Ich kenne keinen Hass, denn Hass zerstört nur...

Ich kenne keinen Hass, denn Hass zerstört nur...

Auteur
:   Hans Biereigel
Gemeente
:  
Provincie
:  
Land
:   Deutschland
ISBN13
:   978-90-288-6606-5
Pagina's
:   80
Prijs
:   EUR 16.95 Incl BTW *

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Fragmenten uit het boek 'Ich kenne keinen Hass, denn Hass zerstört nur...'

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Vorwort

Ich war kein ehemaliger Häftling des KZ Sachsenhausen, wie meine beiden Vorgänger, als ich 1 975 zum Direktor der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen berufen wurde. Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, wurde ich geboren. Meinen Vater lernte ich nicht kennen, er war als Hitlergegner aus Deutschland geflohen. Erst nach dem Krieg durfte man mir erzählen, dass er wegen Befehlsverweigerung als Soldat im berüchtigten Strafbataillon 999 standrechtlich erschossen worden sei. Als Kind hörte ich nichts von KZ oder Verfolgung, und keiner der Erwachsenen äußerte sich zu diesem Thema. Es wurde nur hinter vorgehaltener Hand erwähnt. Die Angst der Erwachsenen, darüber zu sprechen, war größer als der Mut zur Wahrheit. Das war einer der Gründe, warum ich vonAnbeginn meinerTätigkeit in der Gedenkstätte Sachsenhausen das Gespräch, kurzum den persönlichen Kontakt zu ehemaligen Häftlingen suchte. Für mich war es nicht entscheidend, welcher politischen Richtung und welcher Religionsgemeinschaft sie angehörten. Ich wollte immer konkret wissen, was sie erlebt hatten und wer ihre Peiniger gewesen waren; ob sie Solidarität empfangen hatten und diese weiter gaben. Ich widersetzte mich Pauschalurteilen über die Opfer und Täter, denn ich wusste, dass jeder Einzelne die Gefangenschaft auf seine

Weise erlebt hatte. Aus einer Aufgabe war ein Bedürfnis entstanden, das mein Herz und meinen Verstand forderte. Ich hatte Vertrauen in die Menschen, die zu mir kamen, und ich gewann ihr Vertrauen. Nur auf diese Weise erfuhr ich Einzelheiten aus den Lebensgeschichten hunderter ehemaliger Häftlinge aus fast allen europäischen Ländern.

An einem der heißen Sommertage des Iahres 1979 bat mich der Betreuer einer Schülergruppe aus Westberlin um eine Unterredung. Er hieß Herbert Braun, er war ehemaliger politischer jüdischer Häftling des KZ Sachsenhausen und zu diesem Zeitpunkt Beauftragter des Berliner Senats für Führungen durch die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen. Bei diesem sachlich-freundschaftlichen Gespräch stellte er mir unter anderem die Frage, ob mir der Name Erich Cohn bekannt sei. 'Erich war mein Vorarbeiter beim Arbeitskommando SS-Schießplatzbau, er war es, der mir mehr als einmal das Leben rettete,' erzählte er mir voll innerer Bewegung. 'Sie müssten doch schon von ihm gehört haben, denn er war doch bis 1933 Vorsitzender der Ortsgruppe der SPD in der Gemeinde Sachsenhausen.' Ich verneinte, ein Erich Cohn war mir nicht bekannt. Herbert Braun brachte mich mit seiner Frage in Verlegenheit. Ich begann zu recherchieren und suchte

zunächst in örtlichen Archiven nach Hinweisen oder anderen Unterlagen. Das Ergebnis war gleich Null.

Auch die Befragungen früherer Häftlinge aus den verschiedenen Arbeitskommandos führten zu keinem Ergebnis. 'Ein Jude als Vorarbeiter, nein, das gab es nicht zu unserer Zeit,' so lauteten fast alle Antworten. Ich stand wie vor einer Mauer.Warum weckte der Name Erich Cohn keinerlei Erinnerungen? Zwar waren seitdem fast fünfzig Iahre vergangen, es war mir aber dennoch unerklärlich, warum die Bürger von Sachsenhausen den Namen des Mannes, dervon 1928 bis 1933 SPD-Ortsvorsitzender, gewählter Schöffe und Gemeindevertreter gewesen war, einfach vergessen haben sollten. Vergessen die Menschen wirklich so leicht? Sollten die älteren Einwohner des Dorfes Sachsenhausen es etwa nicht gewusst haben, dass die örtliche Naziprominenz Erich Cohn als 'Anführer der nach der Novemberrevolte 1918 fast hundertprozentig marxistisch verseuchten Gemeinde' (Stadtarchiv Obg. Prot. Gern. Shs. 10.04.1933) beschimpfte und er dafür die Freiheit in Hitlerdeutschland nur aufRaten 'genießen' durfte. Er gehörte doch zu jenen Personen im Ort, der als Sozialdemokrat und Jude 1933 in Oranienburgs erstem KZ und ab Juni 1938 im KZ Sachsenhausen inhaftiert war und zum Glück diese Leidenszeiten überlebte. Ich glaubte

damals zu wissen, alle Namen und Personen aus Oranienburg und Sachsenhausen zu kennen, die in der Nazizeit im Konzentrationslager inhaftiert waren. Ich war wieder einmal eines anderen belehrt worden. Das Grübeln ging weiter. Waren es etwa die Vorbehalte von mir bekannten Altkommunisten gegenüber früheren Sozialdemokraten, die sich hier in verdeckter Form zeigten? Oder war es gar Antisemitismus, der sich offenbarte? Hatte sich Herbert Braun etwa geirrt? Fragen über Fragen, die ich nicht beantworten konnte und die mir auch keiner beantworten wollte. Schließlich gab man mir seitens der Lagerarbeitsgemeinschaft Sachsenhausen beim Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR die Empfehlung und den' gutgemeinten Rat', nicht weiter nach Erich Cohn zu forsehen und dafür noch unnötig Zeit zu verschwenden, 'denn es bringt ja doch nichts ein'.

So vergingen wertvolle Iahre, ohne dass ich einen Schritt weitergekommen war. Ein Aufgeben kam für mich nicht in Frage. Erst nach meiner Abberufung als Direktor der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen begann ich 1986 meine Recherchen aufs Neue. Diesmal als 'privater Historiker'. Nach weiteren Nachforschungen erhielt ich vonAltbischofDr. Kurt Scharf aus Berlin-

Dahlem den entscheidenden Anhaltspunkt. In einem Brief vom 3. Mai 1988 übermittelte er mir die folgenden Fakten: 'Als ehemaliger Gemeindepfarrer von Sachsenhausen-Friedrichsthal in den Iahren 1933-1945 erinnere ich mich an einen Juden, der sehr bald ins KZ Oranienburg kam, für den ich mich einsetzte, der daraufhin entlassen, aber bald wieder verhaftet wurde, der erneut auf geheimnisvolle Weise freikam und der dann nach Amerika emigrierte. Er wohnt jetzt in Oldenburg. In Amerika hat er seinen Namen Cohn in 'Collins' geändert.' (Altbischof Scharf wusste damals nicht, dass Erich Cohn nach England emigriert war.)

Der Knoten schien sich zu lösen. Noch am gleichen Tag schrieb ich einen Brief nach Oldenburg. Es vergingen einige Monate, ehe ich einen längeren Brief von Eric Collins als Antwort bekam. Endlich hatte ich Kontakt mit dem Mann, dessen Vergangenheit verschwiegen worden war. Viele Briefe zwischen Oranienburg und Oldenburg wurden gewechselt, ehe wir uns persönlich kennenlernten. Aus dem Briefwechsel ist mir ein Wahlspruch von Eric Collins noch heute gegenwärtig. Ich kann ihn einfach nicht vergessen. Es ist ein Spruch, der Inhalt und Ziel seines Lebens bestimmte. Er lautet: 'Auf drei Dingen ruht der Bestand der Welt: Auf der Wahrheit, auf dem Recht

und auf dem Frieden.' Erst viel später erfuhr ich, dass er aus 'Sprûche der Väter' Abschnitt 1. 18 stammt.

Eric Collins hatte bereits sein 90. Lebensjahr überschritten, als wir uns in der Wohnung von Frau Hilda Braun, der Ehefrau des zwischenzeitlich verstorbenen Freundes Herbert Braun, zum ersten Male begegneten. Ich war sofort von seiner Persönlichkeit fasziniert. Seine bejahende optimistische Lebenseinstellung, unsere gegenseitige Achtung und das sich im Gespräch unverzüglich einstellende Vetrauensverhältnis sowie seine reichen Erfahrungen, gepaart mit der Weisheit des Alters, prägten in mir das Bild von einem toleranten und ungewöhnlichen Menschen des 20. Jahrhunderts. Sein erfülltes Leben glich einem Geschichtsbuch, in dem alle Siege und Niederlagen, alle Höhen und Tiefen der deutschen Sozialdemokratie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dargelegt sind und in dem jeder offen lesen kann. Es ist aber auch ein Buch über deutsche Juden, die 1914 als Soldaten zu den Waffen griffen, urn ' das Vaterland' zu verteidigen.

Ihr Leben in den Iahren der Weimarer Republik als gleichberechtigte Partner in allen Bereichen war Ausdruck dafür, dass die unsichtbare Mauer zwischen Juden und Nichtjuden überwunden werden konnte.

Die vorliegende Dokumentation ist der Versuch, an Hand von mehreren Einzelschicksalen die Leiden und Tränen der Juden deutscher Staatsangehörigkeit in den Iahren von 1933 bis 1945 darzustellen. Eine Persönlichkeit wie Eric Collins der Vergessenheit zu entreißen und damit einen Beitrag zur Aufarbeitung der Vergangenheit der Region von Oranienburg zu leisten, sehe ich als meine moralische pflicht an. Viel zu lange wurde darüber geschwiegen, und so manche Erinnerung wurde ins Grab mitgenommen.

Leitfaden bei der Erarbeitung der Dokumentation waren mir die Worte der 1947 verstorbenen deutschen Dichterin Ricarda Huch: 'Aus unserer Mitte sind brutale und gewissenlose Menschen hervorgegangen, die Deutschland entehrt und Deutschlands Untergang herbeigeführt haben. Sie beherrschten das deutsche Volk mit einem so klug gesicherten Schreckensregiment, dass nur Heldenmütige den Versuch, es zu stürzen, wagen konnten. Solch tapfere Menschen gab es eine ganze Anzahl unter uns. Es war ihnen nicht beschieden, Deutschland zu retten, nur für Deutschland leiden und sterben durften sie. Wenn wir derer gedenken, die im Kampf gegen den Nationalsozialismus ihr Leben gelassen haben, erfüllen wir eine pflicht der Dankbarkeit, zugleich aber tun wir uns selbst wohl;

indem wir ihrer gedenken, erheben wir uns über unser Unglück. Nicht allen sind unsere Märtyrer bekannt, und von denen, die man kennt, weiß man nicht viel mehr als den Namen.'

Die anerkennenden Worte des ehemaligen englischen Premierministers Winston Spencer Churchill, in einer Rede vor dem britischen Unterhaus im Herbst 1945, bestätigten mich in der Richtigkeit meiner Dokumentation: 'In Deutschland lebte eine Opposition, die quantitativ durch ihre Opfer und eine entnervende internationale Politik immer schwächer wurde, aber zu dem Edelsten und Größten gehört, was in der politischen Geschichte allerVölker je hervorgebracht wurde ... IhreTaten und Opfer sind das unzerstörbare Fundament eines neuen Aufbaues. Wir hoffen auf die Zeit, in der dieses heroische Kapitel der inneren deutschen Geschichte seine gerechte Würdigung findet.'

Erich Cohn gehörte zu jenen zahllosen einfachen und tapferen Helden, die unter anderem aufGrund ihrer Leidensfähigkeit und ihres starken Charakters die Kerker des Dritten Reiches überlebten. Wie viele Tausende anderer deutscher Juden erhielt auch er 1938 von der Gestapo die Aufforderung, innerhalb kurzer Zeit Deutschland zu ver-

lassen und zu emigrieren. Wenn nicht - so drohte ihm die Gestapo -, erfolge eine erneute Überführung in ein Konzentrationslager. Eric Collins formulierte es mit den Worten: 'Ich bin von den Nazis ausgewandert worden.' WenigeTage vor Beginn des Zweiten Weltkrieges erreichte er die Freiheit, die für ihn Großbritannien hieß. Obwohl er sich zum Pazifismus bekannte, meldete er sich bei Kriegsausbruch freiwillig zum Dienst in den britischen Streitkräften. Seinen Entschluss begründete er mit der Aussage: 'Ich bin Soldat geworden, um etwas gegen die Nazis zu tun.'

Für Eric Collins stand das Bekenntnis zum Iudenturn niemals im Vordergrund seines Lebens. Als er Mitte der zwanziger Iahre Funktionen in der SPD übernahm, ließ er seine Mitgliedschaft in der Jüdischen Gemeinde ruhen. Seine erste Ehefrau Elvira, die er im Iahre 192 8 heiratete, war eine evangelische Christin. Das Iudenturn war für ihn in erster Linie eine Frage der Religion und des Glaubens. Bis zum Ende seines Lebens engagierte sich Eric Collins mit der ganzen Kraft seines Herzens und seines Verstandes für ein friedliches und dauerhaftes Zusammenleben von Juden und Christen. Im Iahre 1966 erklärte er seinen Eintritt in die Oldenburger 'Gesellschafi für Christlich-

Jüdische Zusammenarbeit' und war von 1975 bis 1989 deren jüdisches Vorstandsmitglied. Im letztgenannten Iahr gehörte er auch zu den Gründungsmitgliedern des Vereins 'Iûdische Gruppe', aus der sich 1992 die wiedererstandene 'Iûdische Gemeinde zu Oldenburg' konstituierte. Sein Wirken und seine Verdienste würdigte der damalige Ehrenvorsitzende der Oldenburger 'Gesellschafi für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit', Dr.phil. Enno Meyer, anläßlich des 90. Geburtstages von Eric Collins mit den folgenden Worten: 'Vor langen Iahren, als wir einander noch nicht lange kannten, besuchte ich Sie einmal im Krankenhaus, und da sagten Sie mir mit heiterer Miene:

"Ich habe über mein Leben nachgedacht, ich bin doch eigentlich ein glücklicher Mensch.' Das überraschte mich, und dabei wusste ich doch bei weitem noch nicht alles, was Ihnen in Ihrem Leben widerfahren war: Schwere Verwundung als deutscher Soldat, und dann in der NS-Zeit: soviel Schreckliches und Trauriges. Und doch glücklich? Iohann Wolfgang von Goethe hat einmal gesagt: "Es ist ein ganz entschiedenes Zeichen von Wahrheitsliebe, überall in der Welt das Gute zu sehen.' Ich glaube, dass Sie diese glückbringende Gabe besitzen, und darüber hinaus die, das Gute nicht nur zu sehen, sondern auch zu tun.' Sozialdemokratische Traditionen und Ideale bestimmten

den Lebensinhalt von Erich Cohn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Begleiter waren treue Freunde, mutige Kampfgenossen und zuverlässige Weggefährten. Seit seiner Jugendzeit trug er den Kosenamen 'Hetzel', eine Redewendung, die dem schlesischen Dialekt entstammte. 'Hetzel' , das war die liebevolle Umschreibung eines immer zu Spaß und Humor aufgelegten Menschen. Es wurde zeitweise sein erster Rufname, mit dem ihn noch im fortgeschrittenen Alter seine engsten Freunde begrüßten. Ohne seine Freunde und SPD-Genossen, die unterschiedlicher Glaubens- und Weltanschauung waren, hätte er die schwere Zeit von 1933 bis 1939 in Deutschland nicht überleben können.

Nach dem Sieg der Alliierten über die Hitlerdiktatur nahm er sofort wieder den Kontakt zu den in Deutschland lebenden Freunden auf. Für Eric Collins gab es kein pauschales Urteil über die Mitschuld des deutschen Volkes an den Verbrechen der Nazidiktatur. Für ihn gab es nur ...

... die wirklich Schuldigen, nämlich die gewissenlose Clique der Naziverbrecher, die nicht nur ganze Länder verwüstet, sondern auch die Menschen in einen geistigen Abgrund gestürzt haben.

Menschliche Größe und der Edelmut des Siegers sprechen aus den Briefen von 'Hetzel' an seine früheren Wanderund Chorfreunde. In einem mit dem 6. April 1947 datierten Brief an Frau Gertrud Iacob in Lehnitz schrieb er u.a.:

Was glaubst Du wohl, wer ich bin? Hälst Du mich für einen Menschen, der so einfach ohne Nachdenken verurteilt? Ich bin doch einer derjenigen, der die Lage des deutschen Volkes ganz genau kennt. Für mich gibt es kein Schuldig, und wenn ich, was ja beinahe täglich geschieht, mit Deutschen über die Vergangenheit debattiere, schalte ich alles, was mir passiert ist, und meine ganze Vergangenheit nach 1933 vollkommen aus. Ich will Dir hier noch sagen, was ich schon in vielen anderen Briefen geschrieben habe: Ich kenne keinen Hass, denn Hass zerstört nur und baut nicht auf.

Dieser letztgenannte Satz ist sein Credo aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In diesem Sinne war sein gesamtes Denken und Handeln bis zu seinem Tode ausgerichtet. Eric Collins kehrte nach Deutschland zurück, ohne die deutsche Staatsangehörigkeit wieder anzunehmen. Für ihn reichte der englische Pass aus, um wieder in Deutschland zu wohnen und zu leben. Er hielt seiner Wahlheimat

Großbritannien die Treue, die ihm in schwerer Zeit geholfen hatte. Das Fazit seines kämpferischen Lebens war zugleich ein politisches Bekenntnis:

Ich hoffe, dass die belastende Vergangenheit von der jungen Generation als Vermächtnis verstanden werden möge, für eine Zukunft zu leben und zu arbeiten, in derVerbrechen wie die derVergangenheit unmöglich sein werden.

Sein Leben vollendete sich am 27. März 1993 in Oldenburg. Er starb 16 Tage nach seinem 96. Geburtstag und erreichte damit ein wahrhaft 'biblisches' Alter.

Seit 1964 stand seine zweite Ehefrau Margarethe zuverlässig und gleichberechtigt als Partnerin an seiner Seite. Sie war ihrem Mann jederzeit eine Stütze und Beraterin in allen Lebenslagen. Sie pflegt und bewahrt jetzt sein Vermächtnis. Dies findet seinen Ausdruck unter anderem in dem bereits erwähnten Erinnerungsbuch über ihn, das im Dezember 1994 in erster und im August des Iahres 1995 in erweiterter zweiter Auflage erschien. Erics Nächstenliebe und Toleranz sind zum Maßstab auch ihres Handeins geworden. Beispiel dafür ist die von ihr 1994 gegründete Eric-und-Margarethe-Collins-Stiftung mit dem

Sitz in Oldenburg. Die Erträge der Stiftung dienen ausschließlich sozialen Zwecken, sie kommen kinderreichen Familien, ausländischen Mitbürgern oder anderen Minderheiten zugute.

Diesen Menschen Eric Collins in seinem Heimatort Sachsenhausen - seit 1974 Ortsteil der Stadt Oranienburg - zu ehren, sollte eigentlich für die Bürger einer Stadt wie Oranienburg mehr als nur eine moralische Verpflichtung sein. Zwei Iahre nach Eric Collins Tod erfolgte aufInitiative der SPD-Fraktion des Oranienburger Parlaments der Antrag an die Stadtverordnetenversammlung, die Straße, in der Erich Cohn von 1928 bis August 1939 gewohnt hatte, in EricCollins-Straße umzubenennen. Aber wer da gedacht hätte, dass dieser Antrag die einstimmige Annahme durch die gewählten Stadtverordneten und die einhellige Zustimmung der Bürger fand, irrte sich gründlich.

In der Presse und in Gesprächen mit Bürgern kamen Einzelmeinungen zum Ausdruck, die auf mich und andere wie ein Schock wirkten. 'Er sei schließlich nach England abgehauen, und dann habe er auf englischer Seite auch noch gegen uns gekämpft', oder ' er habe auch nicht wieder die gute deutsche Staatsbürgerschaft angenommen'. Teilweise erfolgten öffentliche Meinungsäußerungen, die

mehr als nur judenfeindliche Tendenzen aufwiesen. Die scheinbar unsichtbare Mauer der Deutschen gegenüber Bürgern jüdischen Glaubens war mit einem Male wieder sichtbar geworden. Endlich kam es im Herbst 1995 zur Abstimmung in der Stadtverordnetenversammlung Oranienburg über die Umbenennung der Parkstraße in Eric-Collins-Straße. Das Ergebnis war mehr als beschämend. Elf Abgeordnete stimmten dafür, achtAbgeordnete stimmten dagegen, und sieben Abgeordnete enthielten sich der Stimme. Die Lokalredaktion der Neuen Oranienburger Zeitung kommentierte dieses Verhalten mit den Worten: 'Damit hat sich die Stadt Oranienburg eine weitere Peinlichkeit erspart, denn bei einer Ablehnung wäre die Stadt wieder einmal unrühmlich bekannt geworden.'

Anläßlich des 100. Geburtstages von Eric Collins im März 1997 konzipierte und gestaltete ich im Oranienburger Schloss eine kleine Sonderausstellung unter dem Titel: 'Ich kenne keinen Hass, denn Hass zerstört nur .. .' Zahlreiche Materialien, Aussagen und Dokumente hatte ich in Archiven und aus Privatbesitz gesichtet, erforscht und gesammelt. Sie in einer Dokumentation der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und damit Erich Cohn alias Eric Collins, sein Leben und seine Ideale zu würdigen und

dazu beizutragen, dass niemand und nichts vergessen wird, war und ist mein Anliegen.

Für die Erarbeitung des vorliegenden Buches habe ich mit freundlicher Zustimmung von Frau Margarethe Collins ihre autobiographischen Erinnerungen an ihren Mann benutzt. Von ihr erhielt ich auch noch niemals veröffentlichte Fotos, Dokumente und Briefe. Eine wichtige Quelle war für mich das Interview, das Eric Collins dem Westdeutschen Rundfunk gegeben hat und das am 5. März 1992, anläßlich seines 95. Geburtstages, gesendet wurde. Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle Frau Marianne Zoll aus Lehnitz, die mir Briefe und Fotos ihrer Mutter und Dokumente ihres Großvaters zur Verfügung stellte. Mein Dank gilt ferner den Herren Dr. Ludwig Kunst und Dieter Goertz, beide Oldenburg, für ihre Mithilfe an

dem vorliegenden Buch. Die in der Dokumentation fett gedruckten Zitate von Eric Collins stammen aus Briefen und mehreren Gesprächen, die ich ab 1988 bis 1992 mit ihm geführt habe. Bei den übrigen Zitaten habe ich die Quelle an der jeweiligen Stelle genannt, oder sie ergeben sich aus dem Zusammenhang.

Oranienburg, Frühjahr 2 000 Hans Biereigel

Eric Collins

Leben, Freunde und Schicksalsgefährten

1 Eric Collins und seine Frau Margarethe (1985).

2 Links:Ansicht von jiuer zu Beginn des 19.Jahrhunderts.

Oben: Denkmalgeschützte Altstadt in Jawor (1992).

Bildnachweis: Privatbesitz Frau Lindenberg, Kremmen.

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