Bärenklau und Leegebruch in alten Ansichten

Bärenklau und Leegebruch in alten Ansichten

Autor
:   Dagmar Martin und Gisbert Augsten
Gemeinde
:  
Bundesland
:   Brandenburg
Land
:   Deutschland
ISBN13
:   978-90-288-6715-4
Seiten
:   80
Preis
:   EUR 16.95 inkl. MwSt. *

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Auszüge aus dem Buch 'Bärenklau und Leegebruch in alten Ansichten'

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Leegebruch

Im Unterschied zu Bärenklau, das auf der Hochfläche des Glien liegt, liegt Leegebruch in der Havelaue. Es kann mit Fug und Recht als die älteste und zugleich jüngste Siedlung der Region angesehen werden.

Die Binnendüne 'Schlangenberg', mit 37 m höchster Punkt der Gemarkung, war Rastplatz steinzeitlicher Jäger. Bereits um 800 legten slawische Einwanderer eine Siedlung im Luch an. Mehrere Häuser mit ihren Grundrissen konnten ergraben werden. Ein frühslawischer Burgwall als Fluchtburg ist in Resten erhalten. Allerdings fehlt wie bei vielen ähnlichen Anlagen eine urkundliche Erwähnung.

Um 1000 vernässte die Havelniederung zusehends, so dass das 'Luch' von der deutschen Besiedlung ausgespart blieb. Ursache waren Klimaveränderungen, aber auch menschliche Eingriffe wie Mühlenstaus und ähnliches. Erst am Rande des Glien legten die Kolonisatoren ihre Siedlungen wie Velten und Quaden-Germendorfan.

Ab 1600 erscheint die Flurbezeichnung Leegebruch in verschiedenen Urkunden. Im Gegensatz zu Bärenklau ist die Bezeichnung erklärbar und auf das Niederdeutsche zurückzuführen. 'Leeg' bedeutet hier schlecht, leer, unbrauchbar und entspricht in etwa der Zusatzbezeichnung 'Quaden' von Germendorf, mit der sich der Ort vom nicht allzuweit entfernten 'Guten' germendorf absetzte.

'Leegebruch' bezeichnet zunächst ein landesherrliches Forstrevier in der Havelaue mit Ausläufern auf dem Glien. Im unteren Teil war es wahrscheinlich locker mit Eichen und Erlen bestanden und von großen Wiesenflächen unterbrochen. Irgendwann

im 18. [ahrhundert - vielleicht auch früher - scheint ein Forsthaus im Luch zur sinnvollen Bewirtschaftung des Reviers erbaut zu sein. Zwei schnurgerade Achsen - ein Kennzeichen barocker Planung - verbanden es mit der Außenwelt. Eine von ihnen führte von Westen über einen Damm in das Luch, die andere benutzte einen länglichen Sandrücken im Luch, um die Verbindung mit Bötzow / Oranienburg zu sichern. Beide Achsen, heute bekannt als Eichen- bzw. Birkenallee, schnitten sich genau im Forstgehöft.

Dieses Gehöft, die Keimzelle des modernen Leegebruch, hat sich trotz Umbauten und mehrerer Funktionswechsel erhalten. Herbert Rusch, einer der letzten Besitzer, erkannte seinAnwesen als älteste Wohnstätte Leegebruchs und legte die Grundmauern des Forsthauses frei. Ein urkundlicher Nachweis konnte aber noch nicht erbracht werden.

16. Die Keimzelle von Leegebruch: Forstgehöft - Verwalterhaus des Remonte-Depots - Baugeschäft Rusch. Um 1950.

1832 mit Errichtung des Remonte-Depots Bärenklau wurden die Wiesen des Forstreviers dem Remonte-Depot 'beigelegt'. Neben dem Forsthaus wurde ein Vorwerk mit Ställen und Koppeln angelegt. Leben und Treiben auf dem Gut ist im Teil Bärenklau dieses Bandes eingehend geschildert. Die Vorwerke entsprachen im Kleinen dem Hauptgut. Auch hier war das Zentrum ein nahezu quadratischer Hof, ringsum von Ställen eingefasst und durch Zäune unterteilt (Bild 3).

In Leegebruch gab es daneben ein paar Besonderheiten. Der Verwalter nahm im Forsthaus Quartier. Die Wegführung der vorhandenen schnurgeraden Schneisen musste aus Zweckmäßigkeitsgründen kurz vor dem Vorwerk verändert werden. So knickte man die 'Eichenallee' nach rechts ab, um eine bessere Einfahrt in den Hof zu erhalten. Die 'Birkenallee' dagegen wurde nach links abgewinkelt, um Platz für die Reitbahn zu haben, die nicht nur beim Hauptdepot sondern bei jedem Vorwerk angelegt wurde und der Vorführung der pferde diente. Die neuen Wegführungen wurden mit Eichen bepflanzt.

Die zu Bärenklau gehörenden Vorwerke Wendemark, Leegebruch, Vehlefanz, Klein-Ziethen und Brieselang hatten nicht die gleiche Größe und auch nicht die gleiche Stellung bezüglich des Hauptdepots. So waren Leegebruch und Wendemark die überWiegende Zeit direkt der Administration in Bärenklau zugeordet, während Vehlefanz und Klein-Ziethen rnit Brieselang eine gewisse Eigenständigkeit hatten.

Dies änderte sich um 1900. Alle Einrichtungen der Kriegswirtschaft wurden auf den neuesten Stand gebracht, um bei der 'Neuaufteilung der Welt' ein Wort mizureden. Die Stallanlagen wurden ausgebaut und erweitert. Die Verwaltung wurde nach modernen Gesichtspunkten umgestellt und ausgebildeten Zivilisten übertragen, der Personalbestand erweitert. Jetzt bekam Leegebruch einen eigenen Inspektor. Die Försterei wurde aus-

gelagert und im oberen Teil des Reviers nahe Bärenklau ein neues Forsthaus gebaut (1898). Für die größereAnzahl von Kindern im nunmehrigen 'Ort' wurde eine eigene Schule eingerichtet. Diese wurde am 9. Oktober 1906 eingeweiht und blieb die einzige außerhalb des Hauptdepots.

Die Schule war einklassig und hatte eine Lehrerwohnung. Sie begann mit 27 Kindern. Das Schulgebäude mit seinem Krüppelwalmdach ist erhalten und dient heute als Kita und Jugendklub. Es ist das erste kommunale Gebäude in Leegebruch.

1 7. Gasthaus und Schule.

GruB aus Leegebruch

Die Siedler

Mit dem Versailler Vertrag vom 28. Juni 1919 und im Zuge der darin vorgesehenen Entmilitarisierung Deutschlands wurden alle Einrichtungen der Kriegswirtschaft aufgelöst. Beim Remonte-Depot Bärenklau kam hinzu, dass es im Besitz der Krone war und alle Schlösser und Ländereien, die nicht der persönlichen Nutzung der Hohenzollern dienten, verstaatlicht wurden und zunächst unter Treuhandverwaltung kamen. Inspektor, Futtermeister und Landmeier verließen das Vorwerk. Über ihren Verbleib ist nichts bekannt.

Auch für die Vorwerke sah man künftig eine landwirtschaftliche Nutzung vor. Die Genossenschaft 'Ernpor' wollte eine gemeinschaftliche Bewirtschaftung des Hofes organisieren. Im Gegensatz zu Bärenklau gelang dies nicht. Die Genossenschaft ging in Liquidation. Ursache könnte die Unerfahrenheit der Mitglieder, vielleicht auch das Fehlen eines Minimums an Infrastrukur auf dem Gut sein.

Die Landgesellschaft 'Eigene Schelle' führte nun das Vorhaben weiter. Ihre Hauptzielstellung war, Landwirten und Landarbeitern aus dem Osten eine neue Heimstatt zu bieten.

Das Deutsche Reich hatte durch den Krieg ein Achtel seines Territoriums und ein Zehntel seiner Bevölkerung verloren. Davon kam über die Hälfte an das wiedererstandene Polen. Gerechterweise muss man bemerken, dass es sich größtenteils - so bei den ehemaligen preußischen Provinzen Posen und Westpreußen um polnisches Kernland handelte, das durch die Teilungen Polens an Preußen gefallen war. Seit mehr als hundert Iahren unterlag es der Germanisierung. Deutsche Bauern waren angesiedelt worden, die nicht gewillt waren, für den neuen polni-

sehen Staat zu optieren. Zu Tausenden verließen sie ihr Land und strömten ins Reich.

Die Landgesellschaft vergab 1922 Hof, Gebäude und Land an 23 dieser Landwirte. Die Aufteilung erfolgte so, dass jeder Anteile sowohl an den Sandrücken im Luch als auch an den anmoorigen Flächen bekam. Oft hatten die Siedler so Flächen an drei verschiedenen Standorten. Der Gutshof selbst wurde viergeteilt, das Verwalterhaus bekam ein fünfter Siedler usw. Bald war der Gutshof als solcher durch Zäune und neue Nebengebäude im Innenhof nicht mehr wahrnehmbar. Die Stallgebäude wurden wie in Bärenklau und Wendemark zu Wohnzwecken nutzbar gemacht (Bilder 6 und 7).

18. Erntefest der Leegebrucher Neusiedler.

Die Flurbegehungen in Zusammenhang mit den Vermessungsarbeiten bei der Aufsiedlung brachten einen interessanten Nebeneffekt. Der jungfräuliche Boden bot viele archäologische Funde. Heinrich Henke, einer der Siedler und später zeitweise Bürgermeister (1933-1935) in Leegebruch, legte eine ganze Sammlung von Steinwerkzeugen aus Feuerstein (Speerspitzen, Meißel, Keile u.ä.) an. Die Schulchronik berichtet unter anderem von 'wunderschón durchbohrten Steinbeilen'. Auch Urnenscherben wurden gefunden, ferner Bronzemesser, -armreifen usw. Henke vermochte noch nicht zwischen steinzeitlichen und slawischen Funden zu unterscheiden. Den Großteil der Funde übergab er dem Heimatmuseum in Nauen, wo sie leider verschollen sind.

Die neuen Landwirte - Pioniere auf ihrem Gebiet - waren keineswegs treue Untertanen der Weimarer Republik. Ihre Gesinnung war überwiegend kaisertreu. Dies zeigte sich in ihren Vereinen und auch bei der Reichstagswahl im Mai 1924, wo 61 Prozent derWähler deutsch-national votierten (im Reich waren es dagegen lediglich reichlich 20 Prozent). Das Datum ist insofern interessant, als erstmals in Leegebruch ein Wahllokal eingerichtet wurde.

Die einseitige Besiedlung mit Landwirten - nur im Norden der Gemarkung wurden einige Kleinsiedlerstellen vergeben - stand ganz im Gegensatz zu dem abwechslungsreichen und farbigen Bild der Besiedlung, das Bärenklau bietet. Sie führte bald zu ernsten Problemen. Weder der Sandboden noch die moorigen Flächen brachten nennenswerte Erträge. Bald gaben die ersten Siedler aufund wurden durch neue Anwärter ersetzt. Von 1925 bis 193 1 folgte Missernte auf Missernte. Die Flächen waren zu klein bemessen, um Verluste auszugleichen. Die Landwirte mussten sich einen Nebenverdienst suchen, was in der Welt-

wirtschaftskrise immer schwieriger wurde. Bald versuchten fast alle, ihren Besitz wieder zu veräußern.

Am 25.April1930 erteilten 14 der Landwirte dem Immobilienmakler Kaluzny in Berlin die Generalvollmacht, ihren gesamten landwirtschaftlichen Besitz zu verkaufen. Die Verkäufer waren mit einem Preis von 0,50 RM pro m' zufrieden. Am 24. Juni 1930 wurde der Aufschließungsvertrag für die 'Gartensiedlung' geschlossen. Doch Wirtschaftskrise und ungünstige Verkehrslage ließen das Projekt bald ins Stocken geraten. Bürgermeister Henke beklagt sich in einem Brief an den Kreisausschuss bitter über den Makler, der unter den neuen Bedingungen den Preis auf 0,15 RM pro m' drücken wollte.

19. Vaterländischer Verein der Siedler.

Anfänge dörflichen Lebens

Neben ihrem Kampf um materielle Existenz führten die neuen Siedler einen solchen um den rechtlichen Rahmen ihrer Ansiedlung. De facto waren sie eine dörfliche Gemeinschaft, de jure aber als Teil des Gutsbezirks von der Administration in Bärenklau abhängig. Die schon in der Novemberrevolution verkündete Auflösung der selbständigen Gutsbezirke ließ auf sich warten. Zu viele Widerstände der Gutsbesitzer und Militärs, die um ihre Privilegien fûrchteten, waren zu ûberwinden. Endlich wurde am 27. Dezember 192 7 das Gesetz verkündet. Nun dauerte es ein weiteres Iahr, bis die konkreten Durchführungsbestimmungen erlassen waren. Doch jetzt hatten die Siedler ihr Ziel erreicht, sie waren als Landgemeinde anerkannt worden (1. Dezember 1928).

Es war der gleiche Amtsakt, der auch Bärenklau die Bestätigung als Landgemeinde brachte. Doch wurde er hier nur als bürokratischer Vorgang wahrgenommen; der Administrator nannte sich nun Ortsvorsteher. In Leegebruch dagegen musste erst ein Gemeindeparlament geschatfen werden. Wahlen dazu fanden am 3. Februar 1929 statt, Erster Ortsvorsteher wurde Otto Wolter (1929-1933).

Schon 1924 war ein Friedhof für die Ansiedler angelegt worden. 'Die erste Leiche war Otto Wesel' (Schulchronik). Seit dieser Zeit bemühte man sich um eine Leichenhalle. Sie sollte nach Möglichkeit gleichzeitig Gottesdienstraum für die evangelische Gemeinde sein. Deshalb wurde als Standort der Eichenhain östlich des Gutshofes vorgesehen. Der Hain selbst war ein Rest der lockeren Eichenbestände im Forstrevier. Am 30. November 1930 konnte die Kapelle eingeweiht werden. Sie war ein Ge-

schenk des Baumeisters Heinrich Mendelsohn, der die Nachbargüter Antonienhof und Pinnow besaß. In Pinnow hatte er eine ähnliche Leichenhalle aufstellen lassen.

In dem Bau spiegeln sich mehrere Tendenzen des Bauens der zwanziger [ahre wider: Neue Sachlichkeit und Expressionismus, ein Zurückgreifen auf die Gotik und die Holzbauweise. Die Alte Kapelle wurde als erstes Gebäude in Leegebruch unter Denkmalschutz gestellt. Nach der Wende wurde sie wiederhergestellt und dient heute unter anderem dem Kulturverein Leegebruch für seine Veranstaltungen. Mit ihren umlaufenden Galerien, den seitlichen Anbauten an den Grundkörper ist sie ein Schmuckstück des' alten Dorfes'. Zeitweise lag vor ihr noch ein Teich.

20. Alte Kapelle von 1930 mit Feuerlöschteich.

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