Bärenklau und Leegebruch in alten Ansichten

Bärenklau und Leegebruch in alten Ansichten

Autor
:   Dagmar Martin und Gisbert Augsten
Gemeinde
:  
Bundesland
:   Brandenburg
Land
:   Deutschland
ISBN13
:   978-90-288-6715-4
Seiten
:   80
Preis
:   EUR 16.95 inkl. MwSt. *

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Auszüge aus dem Buch 'Bärenklau und Leegebruch in alten Ansichten'

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Doch auch für andere Dinge hatte die neue Gemeinde Sorge zu tragen: Einkaufsmöglichkeiten, Wegebau etc. Insbesondere brachte die schon erwähnte 'Gartensiedlung' der Gemeinde 'ungeheure Wohlfahrtslasten' (Bürgermeister Henke), da sich hier entgegen der Erwartung vor allem sozial Schwache niedergelassen hatten.

Eine wichtige Aufgabe war auch die Organisation des Feuerlöschwesens. Sie war bisher der ungeregelten Selbsthilfe ûberlassen. Die Wehren aus den benachbarten Orten hatten einen weiten Anfahrtsweg. Als Gründungsdatum der Freiwilligen Feuerwehr Leegebruch wird der 14. Juni 1930 angenommen. Der langjährige Wehrleiter Waldemar Zillig schreibt:

Das erste Einsatzgerät war ein einachsiger, hartgummibereifter Anhängewagen. Eine Zugdeichsel mit Querstange machte die Fortbewegung durch die Kameraden möglich. Bestückt war derWagen mit einer Motorspritze von 400 Litern pro Minute Pumpenleistung, mit entsprechendem Schlauchmaterial auf zwei C-Haspeln, B-Saugschläuchen, C-Strahlrohren und Kupplungsschlüssel. DieserWagen mit den Geräten war im Spritzenhaus untergebracht. Es war ein zweiraumiges mit Spitzdach versenenes Gebäude, 4 Meter breit und 13 Meter lang, an der Südseite des Dorfplatzes stehend,

Der erste Wehrführer wurde Otto Federwisch, einer der Siedler. Das Gebäude erhielt später einen Schlauchtrockenturm und verschiedene Anbauten. 1997 wurde es durch ein neues Gerätehaus an anderem Standort ersetzt.

Auch in späterer Zeit spielte die Feuerwehr eine wichtige Rolle in der Gemeinde. Der Feuerwehrverein ist noch in der Gegenwart einer der rührigen und tragenden Vereine in Leegebruch. So zeigte sich Leegebruch am Vorabend der Heinkelsiedlung als eine Ansiedlung mit etwa 350 Einwohnern an drei Siedlungsstandorten (200 'altes Dorf', 50 Kleinsiedler im Norden, 100

Gartensiedlung), mit ersten Einrichtungen einer Dorfgemeinde, aber auch mit großen existenziellen Problemen. Diese waren ursächlich der Siedlungsbewegung geschuldet, durch die Weltwirtschaftskrise aber ungemein verschärft worden.

21. Freiwillige Feuerwehr Leegebruch mit ihrem ersten Einsatzgerät. Um 1930.

Die Heinkelwerke

Schon kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten trug sich das Reichsluftfahrtministerium angesichts eines möglicherweise bevorstehenden Krieges mit dem Gedanken, Bombenflugzeuge in modernster GroBproduktion herzustellen. Heinkel in Rostock sollte die Patenschaft und die Leitung mit der Auflage übernehmen, monatlich 100 dieser Flugzeuge herzustellen. Als Standort war die Nähe Berlins vorgegeben. Hergestellt werden sollte das Schnellflugzeug He 111, später das bekannteste deutsche Bombenflugzeug des Zweiten Weltkrieges. Es war ein zweimotoriges Ganzmetallflugzeug, das seine Feuertaufe im spanischen Bürgerkrieg erhielt.

Die Standortwahl für das Flugzeugwerk wurde sehr sorgf<iltig getroffen. Es mussten vorhanden sein: ein groBes Areal für die Anlage eines Flugplatzes, billig zu erwerbendes Gelände für das Werk, günstige bzw. einfach zu schaffende Verbindungswege zwischen beiden, vcrhandene Verkehrswege zum Heinkelwerk in Rostock, geeignetes Land für die Anlage einer Werksiedlung der in Rüstungsbestrieben wichtigen Stammbelegschaft, günstige Verkehrsbedingungen für Pendler und schließlich das Vorhandensein von Arbeitssklaven als Ersatz für den Ausfall der 'Volksgenossen' im Falle eines Krieges. So ist die Geschichte der Heinkelwerke nicht zufällig eng mit der des Konzentrationslagers Sachsenhausen verbunden. Das Reichsluftfahrtministerium bestätigte am 18. Dezember 1935 den Standort östlich Oranienburgs.

Das Hauptwerk wurde versteekt in einem dürren Kiefernwald südlich von Germendorf errichtet. Für den Flugplatz wurde wenig ertragsf<ihiges Land und ein abgewirtschaftetes Gut (An-

nahof) erworben. Vom Arbeitsdienst wurden die Infrastrukturmaßnahmen ausgeführt: Hauptwerk und Flugplatz bekamen Gleisverbindung zur Kremmener Bahn und damit untereinander und nach Oranienburg. Beide wurden zudem an Germendorf vorbei durch eine StraBe verbunden, die kreuzungsfrei über die Chaussee Germendorf- Velten geführt wurde und jetzt noch vorhanden ist. Um genügend Raum für den Flugplatz zu haben, wurde der Moorgraben (Muhre) an der Ostseite Leegebruchs begradigt und nach Westen verlegt. Gleichzeitig wurde das Konzentrationslager von Oranienburg nach Sachsenhausen verlagert und als Arbeitskräftereservoir modellhaft ausgebaut.

22. Heinkelwerke. Vormontagehalle im Hauptwerk (Werk I). Im Vordergrund Werkstankstelle.

Auch das Werk, das sich anfangs 'Heinkelwerke Bärenklau' nannte, sollte Modellcharakter haben. Vorrnontage und Endmontage der Flugzeuge waren örtlich getrennt. Dies war gewollt und diente dem Luftschutz. Der Architekt Herbert Rimpl (1902-1978) - Regierungsbaumeister und beauftragter Architekt des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt (Albert Speer) - entwarf ein funktionell aufeinander abgestimmtes Ensemble von Fertigungshallen und Nachfolgebauten ('Gesundheitshaus' , Turnhalle, Sportplatz, Schwimmbad, Lehrlingsheim ete.). Die Fertigungshallen waren als Universalhallen Typenbanten, so dass bei Zerstörung einer Halle die Produktion in einer anderen wieder aufgenommen werden konnte. Dem Bauhausgedanken verpflichtet, wurden die Gebäude in funktionellen Formen aus Glas und Stahl errichtet. Die Klinkerverblendungen und die großen Fensterfronten fallen ins Auge. Das Werk wurde in einer Bauzeit von nur zwei [ahren aus dem Boden gestampft. Der erste Spatenstich erfolgte am 4. Mai 1936, am 4. Mai 1 937 rollte bereits die erste He 111 aus der Fertigmontagehalle - allerdings wie oft bei solchen Kampfterminen mit einem kleinen Regietrick.

Die Heinkelwerke beschäftigten im Oktober 1944 8124 Arbeitskräfte. Zu diesem Zeitpunkt bestand bereits der überwiegendeTeil aus KZ-Häftlingen und Ostarbeitern. Die KZ-Häftlinge waren auf dem Gelände des Hauptwerkes untergebracht, die Ostarbeiter gegenüber dem Werk östlich der Chaussee Germendorf- Velten.

So schnell wie das Paradewerk der Luftwaffe entstanden war, so schnell verschwand es auch wieder. Zwar wurde es im Krieg ebenso wie Leegebruch nur versehentlich bombardiert, aber nach Kriegsende als damals modernstes Flugzeugwerk Europas sofort von der sowjetischen Besatzungsmacht demontiert.

Der Rest des Werkes diente längere Zeit als Steinbruch, so als

Baumaterial für die Messerschmiede und die katholische Kirche in Leegebruch. Die Bahntrasse ins Hauptwerk wurde 195 1 für die Leegebrucher Bahn wieder benutzt und nach Süden verlängert. Das erhalten gebliebene Schwimmbad sollte in den frühen sechziger [ahren zu einem 'Waldbad Leegebruch' ausgebaut werden - ein Projekt, das sich leider zerschlug. Nur durch einen Zufall hat sich die Einfliegehalle auf dem ehemaligen Flugplatz, den die sowjetische Luftwaffe nach dem Krieg übernahm, erhalten und gibt eine Vorstellung von der bedeutendenArchitektur des Werkes, das leider für Tod und Vernichtung konzipiert war.

23. Heinkelwerke. Endmontagehalle auf dem Flugplatz (WerkII).

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Heinkelsiedlung I - das Konzept

Im Gegensatz zum Werk hat sich die dazu gehörige 'Cefolgschaftssiedlung' erhalten. Sie ist ebenso gigantisch geplant und z.T. auch ausgeführt worden. Es handelt sich inhaltlich um eine Arbeitersiedlung, die aber so angelegt wurde, dass sie eine eigene urbane Größe, eben eine nationalsozialistische Stadt werden sollte. Die vorgesehenen umfangreichen Infrastrukturmaßnahmen lohnen sich aber nur bei einer Mindestanzahl von Bewohnern; so wurde die Siedlung für 8 000 bis 10 000 Bewohner geplant.

Ein Blick auf den Gesamtplan der Siedlung zeigt aber, dass nicht nur nationalsozialistisches Gedankengut der Planung zugrunde liegt. Es sind zum großen Teil allgemeine Grundsätze der Stadtplanung, die hier zutage treten. Allerdings verraten die Prioritäten und die Reihenfolge bei der Ausführung, dass die NS-Zeit doch sehr stark eingewirkt hat.

Die Großsiedlung Leegebruch ist ein Werk, das uns trotz ihrer eindeutigen Zweckbestimmung heute noch Bewunderung abverlangt. Auf einer regelmäßigen Grundfläche von 1 x 2 km nur die Südostecke wurde ausgespart, da zu sumpfig - entstand um das 'alte Dorf' herum eine Großsiedlung von 1 200 Siedlungshäusern. Weitere 250 individuell gestaltete Eigenheime für sozial Stärkere bzw.leitendeAngestellte waren um das 'alte Dorf' und den zentralen Platz herum vorgesehen, wurden aber nicht mehr gebaut. Natürliche Grenzen der Siedlung waren im Norden und Westen die Gemarkung, dann der Luchrand, im Osten die neue Muhre. Nach Süden und Südosten verhinderte der Landwirt Zunk die Weiterführung der Siedlung bis zur sogenannten Gartensiedlung bzw. bis an die Muhre-Niederung.

Zunk war einer der wenigen Erstsiedler, der sein Land nicht verkaufen wollte, da er es durch Bodenverbesserung und andere Maßnahmen zu Erträgen geführt hatte.

Ein zentraler Platz an der Eichenallee war als Herz der Siedlung gedacht. Mit einer Größe von 2,5 ha sollte er nicht nur Großveranstaltungen und Appellen dienen, sondern auch Sport und Spiel sowie ein Ort der Begegnung sein. Flankiert sollte er irn Norden von einer zweigeschassigen Wohnbebauung sein, die zunächst als Ledigenheime fungierten. Dem Gemeinschaftshaus im Westen stand das Rathaus im Osten gegenüber. Im Süden waren zwei Reihen Geschäftszeilen vorgesehen. Bezeichnenderweise stand in der Priorität nach der Wohnbebauung das Gemeinschaftshaus ganz oben.

24. Heinkelsiedlung. Zentraler Platz mit Gemeinschaftshaus undWohnblocks (sog.Ledigenheime).Vor 1939.

Von den vorgesehenen Geschäftszeilen wurde nur eine, das Rathaus, überhaupt nicht mehr gebaut. Unweit des zentralen Platzes waren vorgesehen: Großgaststätte, Wasserwerk und evangelische Kirche. Nur das Wasserwerk wurde gebaut.

Außer dem zentralen Platz enthielt der Siedlungsplan eine Großgrünanlage ('Anger'), einen weiteren Platz, angerartige Erweiterungen von Straßen und andere Auflockerungen der Siedlungsstruktur. Besonders schön sollte der Schulplatz (2 ha) werden. Von drei Seiten von Giebelhäusern umgeben, sollte er einen Schulbau und die katholische Kirche aufnehmen. Da er zum zweiten Bauabschnitt gehörte, blieb das Bauprogramm auf die Siedlungshäuser beschränkt. Im Süden der Siedlung war eine weitere Schule vorgesehen. Sie entstand 1938 mit dem ersten Bauabschnitt.

Die realisierten Kommunaleinrichtungen wie die oben erwähnte Schule, die bezeichnenderweise nach dem Flieger Manfred von Richthofen benannt wurde, und das Gemeinschaftshaus zeigen einen interessanten Baugedanken. Sie sind jeweils kettenartig mit anderen Funktionsbauten verbunden. So stand das Gemeinschaftshaus über einen galerieartigen Zwischenbau mit einern kleinen Heizhaus mit zentraler Wäscherei im Verbund. Das Heizhaus war für die zentrale Bebauung vorgesehen. Der Zwischenbau enthielt Lehrküche, Nähraum und eine Badcanstalt. Die Schule wiederum war verkettet mit einerTurnhalle. Im Zwischenbau waren die Sanitärräume und die Hausmeisterwohnung untergebracht. Diese Kettenbauweise wurde vielfach auch für Siedlungshäuser angewandt; sie ist geradezu typisch für die Großsiedlung Leegebruch geworden. Sie sollte effensichtlich eine geschlossene Bebauung simulieren und so ein (klein-) städtisches Element in die Bebauung bringen.

Ein paar Zahlen sollen folgen: Für die Dominanten des Ensembles wie Rathaus, Kirchen und Schulen war eine maximale

Höhe von 15 m vorgesehen. Die Kirchen sollten Grundstücke von 1 (evangelische Kirche) bzw. 0,5 ha (katholische Kirche) erhalten.

Das Gemeinschaftshaus - späterVolkshaus genannt - ist mit der Entwicklung Leegebruchs eng verbunden. Bevor es 197 1 als Staatliches Kulturhaus genutzt wurde, waren die Fenster über ein [ahrzehnt zugemauert, da es nach dem Krieg als Lichtspielhaus diente. Gerda Heiss leitete bis 1990 das Haus und machte es zu einer anerkannten Adresse in Leegebruch. Die Nebengebäude dienten in der Folge verschiedenen Nutzern, so der Messerschmiede und dem Landambulatorium.

25. Heinkelsiedlung. Kommunalbauten: Gemeinschaftshaus und Schule. Vor 1939.

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