Die Insel Poel in alten Ansichten Band 6

Die Insel Poel in alten Ansichten Band 6

Autor
:   Jürgen Pump
Gemeinde
:   Die Insel Poel
Bundesland
:   Mecklenburg-Vorpommern
Land
:   Deutschland
ISBN13
:   978-90-288-6665-2
Seiten
:   80
Preis
:   EUR 16.95 inkl. MwSt. *

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Auszüge aus dem Buch 'Die Insel Poel in alten Ansichten Band 6'

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Einleitung

Den Alten zur Erinnerunq, den Jungen eine Brücke zur Vergangenheit.

Der Leser mag den Kopf schütteln, aber eigentlich ist der reiche Fundus an Fotografien aus alten Zeiten auch dem Berufsstand der Tischler zu verdanken. Denn ohne Holz hätte man wohl kaum diese riesigen Fotoapparate noch vor Mitte des 19. Jahrhunderts herstellen können. Möglichst leicht mußten diese überdimensionalen Geräte sein, und diese Bedingung erfüllte dazumal der Werkstoff Holz.

Der Fotografhatte in Aktion meist seinen Apparat auf einem Stativ verankert und kroch während des Vorgangs mit dem Kopf unter ein schwarzes Einstelltuch, um Fremdlicht von der Visierscheibe fernzuhalten. Das meisterliche Ergebnis aus Großvaters Zeiten war auch entsprechend und ermöglicht uns heute nun, in die' schwarz-weiße' Vergangenheit zu schauen.

Bereits Friedrich Lisch ist mit der Herausgabe von 'MekIenburg in Bildern' eine wertvolle Sammlung von Bildwerken vom Oktober 1841 zu verdanken. Das war zu jener Zeit, als man im Begriff war, die Fotografie zu erfinden und sich vorrangig noch mit dem Aufschreiben begnügen mußte.

Hier auszugsweise zwei Textpassagen von Lisch über die Insel Poel:

' ... Die Insel Pöl (wendisch Pole), 1 Meile nördlich von Wismar, gerade vor dem wismarschen Meerbusen, ist das einzige Inselland Meklenburgs von Bedeutung, ungefähr 2/3 Quadrat-Meilen groß, und hat daher wegen ihrer Größe und Lage immer einige historische Bedeutsamkeit gehabt. Das Ländchen ist durchaus eben und waldIeer, aber fruchtbar; namentlich ist es bekannt durch den 'Pöler Kohl' und darum auch 'Kohlgarten' genannt. Akkerbau und Fischerei beschäftigen vorherrschend die wohlhabenden Einwohner, welche noch manche Eigenthürnlichkeiten haben. Die Insel hat 12 Dörfer mit der pfarre "Klrchdorf" in der Mitte und liegt an einem, tief in das Land einschneidenden Meerbusen (Kirchsee).'

Lisch stellt auch noch fest, daß nach der Schwedenherrschaft aufPoel,

, ... die Bewohner der Insel wohlohne Zweifel deutscher Abkunft sind; wie es ihre vielgestaltete Lebensart mit sich bringt, kräftig, thätig und gleich gewandt zu Lande und zu Wasser. Von ihren Volksthümlichkeiten verliert sich jedoch van Iahr zu Iahr mehr.'

Und Walter Zander unterstreicht noch in seiner Abhandlung 'Insel Poel und die Wismarsche Wasserkante' seinen positiven Eindruck über den PoeIer Menschen, indem er feststellt: 'Der PoeIer Menschenschlag ist urwüchsig, von echt niederdeutschem Schrot und Korn. Er ist unverkennbar germanischerTypus. Hochgewachsen, stark und knochig gebaut, rau und derb, aber gutmütig und treuherzig. Infolge der Abgeschlossenheit ist die Bevölkerung ziemlich unvermischt geblieben.'

Auch vergaß Zander nicht, einiges zur Lebensart der Insulaner zu sagen. Sehr beeindruckt schienen ihn die Worte eines PoeIers zu haben: 'Kartüffeln, een gaudes Stück Fleisch, 'n schönen Spiekaal un 'n orrigen Koem - denn hollen wi dat ut; denn kann karnen wat will!' (Kartoffeln, ein gutes Stück Fleisch, ein Spiekaal un ein ordentlicher Schnaps - denn halten wir das aus, denn kann kommen was will).

Auch in der Sonntagsbeilage der 'Mecklenburgischen Zeitung' vom April 1902 befaßt sich derWarnemünder Adolf Ahrens mit der Insel Poel und schrieb: 'Die Fruchtbarkeit der Insel ist sprichwörtlich und das Eiland gilt als Kornkammer. Das brachte goldenen Segen in die Taschen der PoeIer Bauern, aber auch in einzelnen Erscheinungen wohl eine Dosis Protzentum.'

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts aber klingt alles schon bedeutend anders. Denn schließlich hatte man die Einnahmequelle, den Tourismus, entdeckt. Es hatte sich am 23. September 1910 ein Badeverein am Schwarzen Busch gegründet, der in einem kleinen Prospekt das 'Ostseebad Insel Poel' vorstellte und besonders auf das gesundheitsfördernde Klima hinweist. Wörtlich hieß es in diesem Blatt:' ... ist wegen ihrer herrlichen, salzigfeuchten und dabei ungewöhnlich weichen, staubfreien

Luft zumAufenthalt für alle an katharrhalischen Erkrankungen der Luftwege, an Bleichsucht u.s.w. Leidenden vorzüglich geeignet und angelegentliehst zu empfehlen.'

'Der Weg nach der Insel Poel geht über Wismar.' Mit dieser Zeile warb man in einer Broschüre aus dem Jahre 1936 und teilte dem Reisenden noch mit: 'Zu erreichen ist die Insel von Wismar aus mit Dampfern in einstündiger Fahrt. Außerdem gelangt man nach Kirchdorf mit einem Auto, Kraftomnibus oder Fuhrwerk über den Damm mit seiner Brücke. Zu guter Unterkunft und Verpflegung der Badegäste stehen renommierte Gast- und Logierhäuser und zahlreiche Privathäuser zurVerfügung. Kirchdorf hat Post -, Telephonstation, einen ständigen Arzt u.s.w.' Und nochmals soll Zander zu Worte kommen: 'Es ist wahr: Die Insel Poel ist keine laute, aufdringliche Schönheit; doch ein heimlicher Zauber geht von ihr aus, dem sich niemand entziehen kann.'

Na, also, alles nach unserem Geschmack und nichts kann uns abhalten, unsere Reise zur Naturbühne Poel anzutreten.

Ein herzliches Dankeschön allen Poelern, die mir bei meinen Nachforschungen mit Auskünften und Fotos hilfreich zur Seite standen. Besonderer Dank gilt vor allem: Gisela und Wilhelm Baumann, Poel; prof Dr. Ulrich Brenning, Rostock; Wolfhard Eschenburg, Warnemünde; Wolfgang Glaue, Poel; Otto Heinrich Glüer, Poel; Dr. Mitchell Grell, Poel; Hans Georg Hoch, Berlin; Dr. Hartwig Hurtzig, KasseI; prof Dr. Werner Karsten, Rostock; Frauke Knie, Wismar; Erika Koal, Poel; HansHeinrich Kühl, Rostock; Karla - Christine Lübeck, Schwerin; KarlHeinz Mahncke, Ratzeburg; Heinrich Metelmann, Wermelskirchen; Edeltraud Plaumann, (geb. Timrn), Schwerin; Annemarie Röpcke, Poel; OstRJoachim Saegebarth, Poel; Heinz Skowronek, Poel; Ingrid Speezen, Bad Kleinen; Ina-Maria TendIer, Poel; Jörgen Weihs, Wismar; Hans Günther WentzeI, Bremen/Brinkum; Hanjo Volster, Wismar; Peter Voss, Wismar; Christel Wierutsch (geb. Timrn), Wismar und Sigrid Vorwerk, Walsrode.

Für die orthographische Durchsicht nach alter Rechtschreibung danke ich den Eheleuten Christa und Ioachim Saegebarth (Poel).

Und immer wieder umarmt mein Herz die Insel. Denn ich fühle sie weit mehr, als ich sie bewußt sehe.

JürgenPump

Dromland Peul

Sacht will iek dei Ogen sluten,

mi ketteln loten von Dien' Sünn. Fix bliwt mi dei Arger buten, Wenn 'ek in Peuler Dromland biin.

G iern wull iek Dien Sünn tauplinken, un ehr Strahlen döstig drinken.

Jürgen Pump

1 Ein erster Urlaubsgruß unserer sechsten Poel-Reise hat natürlich einen direkten Bezug auf unseren Ferienort. Schließlich soll jeder in der Heimat wissen, daß wir wieder einmal 'Unsere Insel' in derWismarbucht zum Ziel haben. Die Auswahl der Postkarte fällt nicht sonderlich schwer, denn immer wieder beeindruckt uns das imposante Bauwerk des PoeIer Tores, durch das jeder, der zur Insel möchte, auf dem Landwege hindurch mußte. Eigentlich ein Torturm, wie das alte Lübsche Tor, hieß

das alte PoeIer Tor noch nach 1250 HaraIdstor. Doch setzte sich der Name PoeIer Tor noch im Laufe des Jahrhunderts

durch. Vor dem Tor befand sich eine Fallbrücke, ebenso besaß es ein Vortor. Das Torbüdnerhaus lag an der Stadtmauer zur linken des Tores, während die Torwache rechts zu finden war. Laut Friedrich Techen sollen sich vor dem 'Pöler Tor' Kohlgärten befunden haben. Das turmartige Gebäude trug einen achteckigen Helm wie ein Zeltdach. Die Vorderseite war fast ohne Schmuck, auf der Stadtseite wurde die Fassade durch zwei Reihen von Doppelfenstern unterbrochen. Das Poe-

Ier Tor wurde aufVerlangen der Bürgerschaft zu Beginn des Jahres 1870 für den Abbruch verkauft. Der Maurermeister Lundwall erwarb dieses Bauwerk für 425 Taler und riß es dann schließlich am 14. Ianuar 1870 ab. Ein Zeugnis dieses Tores entdecken wir heute noch in der Ulmenstraße. Es ist ein kleiner zinnenbekrönter Backsteinturm mit Blendnischen am äußeren Ende des Alten Hafens, der den Fischern einst als Unterschlupf bei Wind und Wetter diente. Dieser 'Fischerturm' , so der gebräuchliche Name, war als Ersatz für einen Fischerschuppen errichtet worden. Die hier eingelassenen Wappen sollen vom abgebrochenen PoeIer Tor stammen. Wie auf dieser Postkarte hier wird 'Das alte Pölerthor' bereits Ende des 14. Jahrhunderts ausgesehen haben.

Unser Urlaubsgruß geht am 14. Mai 1907 auf die Reise.

2 Vom Bahnhofkommend, muß man sich spätestens am PoelerTor entscheiden, ob es zu Lande oder zu Wasser zur Insel Poel gehen soll. Wir sind noch nicht fest entschlossen, und wenden uns erst einer Stadtbesichtigung zu. Hierzu nehmen wir eine Führung in Anspruch, die bereits zu diesen Zeiten in Wismar Urlaubern, Ausflüglern und Durchreisenden in Wismar gegen Bezahlung geboten wurde. Dr. Thomas Metzner schrieb hierzu im Jahre 2000 in einem Zeitungsartikel folgendes: 'Um 1870 etwa trugen die Wismarer "Fremdenführer" sogar eine Dienstuniform. Typisch war damals eine blaue Bluse mit schwarzem Kragen, auf dem rotleuchtend die Großbuchstaben WD. als Abkürzung für "Wismarscher Dienstmann" aufgenäht waren. Dazu gehörte auch die Dienstmütze mit einem Messingschild mit der gleichen Aufschrift. Das Büro der am 15. September 1862 inWismar gegrün-

deten Service-Einrichtung befand sich hinter dem Rathaus und vermittelte neben Stadtrundgängen auch zahlreiche andere Dienstleistungen, wie z. B. Haushalts- und Geschäftshilfen und Krankenbetreuung.'

Wir gelangen in die Innenstadt natürlich durch das PoeIer Tor. Hier sehen wir eine Ansicht aus

demjahre 1907 mit Blick durch das Tor auf die imposante Nikolaikirche. Der Fotograf schrieb auf diesem Foto zwar noch Poelertor in einem Wort, ersetzte aber schon das ö durch oe.

3 Reisen macht durstig und uns kommt die Trinkhalle der Mineralwasserfabrik Kliefoth während unserer Stadtbesichtigung gerade recht. Eben gerade war der Rollwagen mit Kutscher Krogmann um die Ecke davon gerumpelt, der aus der Mineralwasserfabrik Getränke geliefert hatte. Ganz zünftig mit einer Lederschürze, wie es bei Bierfahrern so üblich war, saß Krogmann stolz auf dem Kutschbock, um die sieben Trinkhallen täglich 'abzuklappern'. Neben Mineralwasser und Brause bot Kliefoth auch Langneese-Eis, Schokolade, Bonbons und Tabakwaren. Die schwereArbeit der Warenlieferung hatten die beiden Kaltblutpferde Liesch und Io chen zu bewältigen, die geduldig den eisenbereiften Rollwagen nicht gerade leise über die holprigen Wismarer Pflasterstraßen zogen. Die Firma hatte ihren Sitz in der 'N eustadt 40', in der zeitweise mitVerkäufern bis zu 13 Angestellte beschäftigt waren. Diese Trinkhallen bestanden aus Holz und besaßen ein Spitzdach. Im Innern hatten die Betreiber eine mit Zinkblech ausgeschlagene Kiste, in der Eis zur Kühlung der Getränke gelagert war.

Eine Selters kostete 12, eine Limonade oder Brause 16 pfennige. Besonders beliebt war die 'gift-grüne' Waldmeisterbrause, die Jahre später als gesundheitsschädigend nicht mehr angeboten werden durfte. Krogmanns Rollwagen wurde später verdrängt und ein moderner 'Opel Blitz' tat dann seine Dienste zur Belieferung. Nach dem Zweiten

Weltkrieg war es dann ein DKW F 8 mit hölzernem Aufbau, den bis zur Schließung der Fabrik die Tochter Christa Kliefoth als Transportmittel benutzte. Sie ehelichte im Jahre 1960 den bekannten Wismarer Kaufmann Werner Innecken. Einst gründete im Iahre 1897 Johann, Daniel, Georg Kliefoth (1871-1934) diese Mineralwasserfabrik, die

später von seinem Sohn Walter (26. August 1897 - 8. Februar 1969) weitergeführt wurde. Im Jahre 1968 hörte die Firma auf zu bestehen. Hier auf diesem Foto sehen wir in der Bildmitte die Trinkhalle auf dem Wismarer Markt. Ganz links im Bild zeigt sich das Eisenwarengeschäft 'Lorenz Innecken' , das Werner Innecken viele Jahre dort führte.

4 pflastermüde kommen wir nach der Stadtbesichtigung zum Alten Hafen und überbrücken die verbliebene Zeit bis zur Abfahrt des Dampfers mit dem Studium des 'MecklenburgerTagesblatt'. Wir lesen u.a.: Das Postboot Alice hat am 4. März 1900 seine regelmäßigen Touren Dank des wackeren Kapitäns Evers bei noch 'nordpolmäßigen Temperaturen' nach Poel wieder aufgenommen. 'Ein PoeIer Fischer rettete am 29. März 1900 eine verzweifelte Frau eines Polizeioffiziers, die sich nach 'kleiner Entwendungen' ertränken wollte. Sie war von der Besatzung eines einlaufenden PoeIer Fischerbootes in Höhe des Grasortes im Wasser entdeckt worden. Im März 1900 kamen auch die Vorboten der diesjährigen Holzflotte in den hiesigen Hafen. Es waren die mit Balken beladenen schwedischen Schiffe Emil und Celilomin van Halmstad. Dieselben Schiffe nutzten die Fahrrinne, die Dampfer zuvor vom Eise freigebrochen hatten. Da der Wind jetzt nach Südwest gegangen ist, werden auch die mit Getreide beladenen Segler bald in See stechen. Am 1. April 1900 ist die Postagentur in Heidekaten

bei Wismar aufgehoben und dafür in Blowatz eingerichtet worden. Inzwischen hat sich am 27. April 1900 das Frühjahr durchgesetzt. Fleißige Hände sind jetzt damit beschäftigt, um die Badeanstalt mit seiner Anlegebrücke in Wendorf wieder aufzubauen, so daß die Wismarer Dampfer Poul und Irene dort anlegen können. Die Beguhl'sche Volks-Badeanstalt des Schiffszimmermanns August Beguhl hinter dem Baumhaus wird in Kürze hergerichtet. Nach der dortigen Herrenbadeanstalt soll in diesem Sommer auch eine neue Fähre von der Ecke des Bootshafens aus hinüberführen. Ein der Brandstiftung verdächtiger Knecht wird in Martensdorf vermißt. Jetzt hat sich ein zuletzt aufPoel in Dienst stehender Knecht namens Otto Heinze, von Gewissensbissen gepeinigt, einem hiesigen Polizeibeamten auf offener Straße als der Urheber jenes Brandes, bei dem auch 150 Hühner umgekommen waren, gestellt. Am 3. Juli 1900 trifft Seine Hoheit der Herzog nebst hoher Gemahlin morgens um

9. 3 0 Uhr in Wismar ein und setzt anschließend mit dem Dampfer A1ice die Fahrt nach

Kirchdorf auf Poel fort. Der Kirchdorfer Hafen sei bereits vom WismarerTapezier- und Dekorationsgeschäft Ernst Weiß, Dankwartstraße 17, festlich geschmückt. Die Rückfahrt ist mit dem Wagen über die PoeIer Brücke nach Gamehl geplant.

Es ist der 3. Juli 1900 und wir entdecken am Alten Hafen eine

illustre Gesellschaft, die den Herzog-Regenten Johann AIbrecht auf seiner Reise zur Insel Poel am Hafen begrüßt. Gerade hatten wir die Ankündigung von der Reise des Herzogs nach Poel gelesen, der hier bereits auf dem Oberdeck des Dampfers A1ice stehend seine Reise nach Poel fortsetzt.

5 Wir haben uns wie üblich zur Überfahrt nach Poel für den Dampfer Insel Poel entschieden. Schließlich kennen wir den Reeder und Kapitän Peter Steinhagen bereits seit einigen Jahren. Unter den vielen Fahrgästen befindet sich auch der Polizei -Sergeant Cröplin, der bei der Ankunft des Herzog-Regenten Johann Albrecht in Kirchdorf am 3. Juli 1900 ein waches Auge auf die Untertanen werfen soll (s. Band 5, Bild 23). Steinhagen erzählt uns schmunzelnd unter vorgehaltener Hand schrulliges über Gendarm Cröplin, der auch Nante genannt wurde. So z. B., als er nach einer Beerdigung angesäuselt einem PoeIer Bauern die Weiterfahrt durch das PoeIer Tor verweigern wollte. Der Grund, der Insulaner hatte bei Anbruch der Dunkelheit kein Licht am Fuhrwerk und der Ordnungshüter hatte bereits dienstbeflissen einen Strafzettel bereit. Doch als Cröplin, ebenfalls auf dem Wege nach Poel, bemerkte, daß der Bauer das gleiche Ziel hatte, schwang er sich auf das Fuhrwerk mit dem Befehl: 'Nu haug up dei Pierd, dat wi ut dat Peuler Dur kamen!' (Nun schlage auf die pferde ein, daß wir aus

dem PoeIer Tor kommen!) Jedoch in Fährdorf angekommen, sagte Cröplin dann zum Fuhrwerkslenker: 'Oewer upschrieben möt ick di Iiekers!' (Aber aufschreiben muß ich dich trotzdem!) Eine weitere Episode mit Cröplin war, als er sich mit dem Wismarer Riesen Paul Grebbin auf offener Straße traf, der provozierend auf den kleinen Gendarmen von 1,67 Meter Größe herabschaute und fragte: 'Was wollten Sie wohl mit mir anfangen, wenn es zwischen uns beiden ernst würde?' Cröplin war um eine Antwort nicht verlegen und entgegnete dem 2,25 Meter Riesen Grebbin: 'Ich würde Sie in zwei Enden brechen, die Sie nicht mehr zusammenflicken könnten!' Paul Grebbin starb im Mai 1906 nur achtundvierzigjährig in einer Siechenhausstiftung in Halle. Cröplin war ein längeres Leben beschieden. Er starb im Jahre 196 0 im hohen Alter von 90 Jahren in Wismar. Ob Kapitän Peter Steinhagen seine Erzählungen vielleicht auch mit Seemannsgarn würzte, wissen wir nicht. Aber wie wir am Foto erkennen, hatte der Seebär riesigen Spaß 'bi 'n Läuschen vertellen' (beim Geschichten erzählen).

6 Beliebte Ausflugsziele der Passagierschiffahrt in der Wismarbucht waren ab 1900 Seebad Wendorf, Grasort und die Insel Poel mit ihren Häfen Kirchdorf und Timmendorf sowie auch das Ostseebad Baltenhagen. Nachdem weit vor 1900 die Fahrten von und nach Poel durch erfahrene Fischer mit Segelbooten durchgeführt wurden, fuhr ab 1900 der hölzerne Dampfer Poel auf dieser Strecke. Es waren die Steinhagens, die das Privileg der Post- und Personenbeförderung auf dieser Route besaßen. Die Reisen wurden, soweit es die Witterung zuließ, ganzjährig durchgeführt, wobei auch Stückgüter mitbefördert wurden. Für die Verschiffung landwirtschaftlicher Erzeugnisse wurden später auch noch Prähme angeschafft (Prahm: flachgehendes Wasserfahrzeug als antriebsloser lastträger im Schlepp). Einen ganz bedeutenden Aufschwung nahm der Passagierverkehr ab dem Jahre 1925. Waren es vorher nur kleine PS-schwache Motorboote, die oft bei einem starken Nordost-Wind die Anlegebrücke nicht erreichten, so schaffte man größere Motorboote und sogar Dampfer an. Der altersschwache

Dampfer Paul wurde 1924 ausrangiert. Der Restaurator Beier schaffte noch das Motorboot Prinzess an, das dann meistens nur bis zum Baumhaus am Alten Hafen gelangte, weil Windstärke 3 es schon überforderte. Die Bevölkerung drängte an die See. Da entschlossen sich die Wismarer Sandböter Lewerenz, H. Bruhn und Röpke mit ihren Sand- und Fischerbooten an Sonntagen Passagiere nach Wendorf und zum Grasort zu befördern. Die Reederei Schacht schaffte das Motorboot Kormoran an, einen alten Als-

terdampfer, den man zum Motorschiffumbaute und dann Wismar nannte. Hiermit setzte nun eine schnelle Entwicklung der Passagierschifffahrt ein. Nach Fertigstellung des Lotsenhafens Timmendorf im Jahre 1931 steuerte ab dann der Dentist Otto Schacht mit dem Dampfer Fritz Reuter wöchentlich diesen Hafen aufPoel an. Der erste Heimathafen dieses Schiffes war ursprünglich Nordstrand 1889/1927, bis das Schiff später nach Wismar gelangte. Der Dampfer hatte zwei Masten, drei wasserdichte

Schotten bis zum Hauptdeck. Mit 83 PS beförderte das Schiff maximal 250 Personen. Den Dampfer ereilte ein trauriges Schicksal. Er wurde im Hafen von Hamburg während der Bombenangriffe 1945 zweimal versenkt. Nach der zweiten Bergung im Jahre 1946 wurde das Schiffin Harburg abgewrackt. Hier sehen wir ein Foto aus den 193 Oer Jahren. Es zeigt den Dampfer Fritz Reuter im Wismarer Hafen auf dem Weg nach Timmendorf

7 Unter einer Zusammenstellung aller Passagierschiffe, die ab Ende desl9.Jahrhunderts bis 1950 in Wismar beheimatet waren und von dort eingesetzt wurden, befindet sich auch der Dampfer Paul. Hier ein Foto aus dem Jahre 1912 von diesem Dampfer, erbaut im Jahre 1870 bei Carl Barmann in Wismar. Er kam als Schlepper und zur Beförderung von Passagieren zum Einsatz, hatte eine Tragfähigkeit von 15 BRT und konnte 70 bis 80 Personen mit zwei Mann Besatzung befördern. Der hölzerne Dampfer war 1 7 Meter lang und eine Schraube verlieh dem Schiff eine Höchstgeschwindigkeit von 13 Knoten. Eine Besonderheit hatte dieser Dampfer: der Schornstein stand unmittelbar vor dem Ruderhaus. 1912 ist dieses Schiff zum Passagiermotorschiff (Benzin-PetroleumMotor) umgebaut worden. 1925 erhielt Paul erneut eine neue Antriebsanlage. Es war ein Bolinger-GlÜhkopf-Dieselmotor. Paul fuhr regelmäßig nach Kirchdorf ab 1887 bis 1900. Im Winter fuhr das Schiff als Schlepper für Segler, Nachprahmer, Leichter sowie für Baggerschuten bis 1905, führte auch Hafen- und

Bugsierschlepperdienste für Dampfer durch und schleppte im Winter die PoeIer Böter. Das Schiffkam auch bei wissenschaftlichen Untersuchungen vor Poel zum Einsatz. So erfahren wir aus einer 28-seitigen Publikation aus dem Jahre 1888, daß der Dampfer Paul von Professor Dr. Braun in derWismarbucht zu 'Faunistischen Untersuchungen' herangezogen wurde. In dieser Schrift ist die Rede von einer Beo bachtungsstation am Timmen-

dorfer Leuchtturm, die bereits seit 1873 betrieben wurde. Bei Brauns Untersuchungsfahrten kam es am 26. August 1887 zu einer Beschädigung des Dampfers Paul und er geriet zwei Tage später an der Südspitze der Insel Walfisch gar auf Grund. Spaßig war die ständige Bemerkung des Kapitäns Gottfried Roggensack bei Passagierfahrten, wenn ältere Damen den Niedergang zur Kajüte herunter mußten: 'Leiwe Fru, sei möten ümmer trüch-

noors dei Stuften dal gahn!' ('Liebe Frau, sie müssen immer rückwärts mit dem A ... zuerst die Stufen hinunter gehen!') Roggensack gehörte mit seinem Dampfer Paul auch zur Gefolgsflotte als Begleitschiff beim Besuch des Herzogs nach Kirchdorf Kapitän Roggensack starb im Jahre 1902. Paul wurde im Jahre 1926 aufgelegt (außer Dienst gestellt) und 1930 nach Berlin verkauft. Hier verliert sich die Spur des Schiffes.

8 Obwohl die Zeit knapp bemessen ist, löchern wir unseren Kapitän Peter Steinhagen mit tausend weiteren Fragen. So erfahren wir, 'daß vor seiner Zeit Anfang der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts die Irene als Motorboot nach Wismar kam. Sie machte im Sommer Fahrten nach Poel, häufig drei bis vier Fischerboote im Schlepp. In der Kirchsee wurde Anker geworfen und die PoeIer Fischer kamen mit ihren Kähnen längsseits, um die Fahrgäste an Land und auch wieder an Bord zu bringen, da es an einer Anlegebrücke mangelte. Erst später wurde ein fester Steg gebaut, an dem dann der Postdampfer A1ice mit Kapitän Hans Evers anlegen konnte. Im Jahre 1900 brachten die ehemaligen Böter Peter und Paul Steinhagen den ersten hölzernen Dampfer Poel in Fahrt (s. Band 1, Bild 60). Hier auf diesem Foto sehen wir den Dampfer Poel, der Ende 1899 bei Carl Barmann in Wismar gebaut wurde. Das Schiff wurde

auch als Dampfboot oder Schraubendampfer geführt und Peter Steinhagen redet während unserer Überfahrt natürlich mit Vorliebe von diesem Dampfer. Schließlich sind mit diesem Schiff die Anfänge der Reederei Steinhagen verbunden. Die Poel bestand aus Eichenholz und war

in Kirchdorfzwischen 1900 und 1920 beheimatet. Eine 25-PSMaschine trieb diesen Dampfer über eine Schraube. Die PoeIer sollen nur mit 'ihrem' Dampfer gefahren sein, nicht mit der A1ice. 1914 wurde das Schiff umgebaut und erhielt ein Ruderhaus. Zuvor navigierte man von einem

offenen Ruderstand, wie hier auf diesem Foto zu erkennen ist. Ab 1920 lief das Schiff an der Westküste Rügens als Schweinetransporter (Swiensdamper).

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