Die Insel Poel in alten Ansichten Band 9

Die Insel Poel in alten Ansichten Band 9

Autor
:   Jürgen Pump
Gemeinde
:   Poel, Die Insel
Bundesland
:   Mecklenburg-Vorpommern
Land
:   Deutschland
ISBN13
:   978-90-288-6749-9
Seiten
:   80
Preis
:   EUR 16.95 inkl. MwSt. *

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Auszüge aus dem Buch 'Die Insel Poel in alten Ansichten Band 9'

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Einleitung

Nicht die übermäßige Sehnsucht nach einer Epoche scheinbarer Ruhe und menschlicher Nähe soll Inhalt dieser Buchreihe sein. Vielmehr soll der Blick zurück den Älteren zeigen, wo die 'Spur ihrer Schritte' liegt. Den Jüngeren aber soll sie die Veränderungen und Entwicklungen ablesbar machen und das Interesse an unserer Kulturgeschichte wecken.

Wenn die Erinnerung also wachgerüttelt ist, dann wird wohl mancher Bewohner dieses Landstriches wieder den eisenbereiften Heuwagen über das Katzenkopfpflaster rumpeln hören, Kühe von der Weide zum heimischen Stall trotten sehen, den pfeiferauchenden Landarbeiter und Fischer vor seinem Haus auf der Bank entdecken oder sich vorn Ausrufer oder Lautsprecherwagen neugierig machen lassen. Oder er wird aber auch dem Gendarm mit dem Zwirbelbart Respekt zollen. Ja, dann wird er schnell wieder in seiner 'Idylle' eingefangen und im Schoße der Vergangenheit versunken sein. Angekommen ist er dann im 'Land der Kindheit', an die wohl jeder gerne zurückdenkt. Und jedem sei zur Beruhigung als sogenannter 'Gestriger' gesagt, wer zurückblickt, der muss nicht unbedingt von gestern sein.

Tourismus sorgte für Aufschwung

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts reifte der Entschluss, die Insel Poel zum Seebad auszubauen. Galt sie zuvor als Bauern-und Fischerinsel, erkannte man die Bedeutung des aufstrebenden Tourismus recht schnelL Bereits 1844/46 war die Insel im 'Freimüthigen Abendblatt' zu Badezwecken empfohlen worden. Man gründete 1910 den PoeIer Badeverein. Franz Fanter baute das Kurhaus und eröffnete es im [ahre 191 1. Auf der Feldmark Oertzenhof gab man am Strand eine 920 Meter lange

Strecke für Badezwecke frei und es entstand eine hölzerne Badeanstalt, die 191 3/14 durch eine Doppelbadeanstalt ersetzt wurde. Ständig stieg die Zahl der Badegäste. Waren es im Jahre 1903 etwa 300, so konnten 1909 bereits 876 Badefreudige auf der Insel gezählt werden. Der Badebetrieb führte auch dazu, dass immer mehr Menschen auf der Insel heimisch wurden. Im [ahre 1928 wohnten auf der knapp 37 Quadratkilometer großen Insel2000 Bürger. Manche Neuerung brachte derTourismus, so u.a. elektrisches Licht, viele Kaufläden, einen ansässigenArzt, Kraftomnibusse und Dampfer fuhren von Wismar nach Poel mindestens dreimal täglich im Anschluss an die Hauptzüge. Noch heute berichten betagte Bürger davon, dass die Anlegestelle am Wassertor in Wismar allgemein als 'Poelet Bahnhof' bezeichnet wurde. Natürlich warben die rührigen PoeIer für ihr Geschäft mit den Sommerfrischlern recht kräftig. So heißt es in Werbeprospekten z.B.:

'Das Ostseebad Poel empfiehlt sich durch Reinheit der Luft, die Heilwirkung des Klimas, den guten Badestrand, Hunger bekäme man auf dieser Insel wie ein Scheunendrescher, schlafe auch wie ein Murmeltier und kehre nach Hause zurück, als wäre man dem Jungbrunnen entstiegen'.

Eine Werbung, die nicht besser sein könnte für PoeL Dennoch, eine Steigerung ihrer Vorzüge war noch möglich: So ist folgender Satz nachzulesen: 'Poel ist eine Insel mit wenig Donnerwetter. Regen und Gewitter umwandern sie gern, denn sie liegt im Regenschatten Schleswig -Holsteins.'

Auch gute Unterkünfte wurden garantiert und man bot zu jener Zeit das Kurhaus, drei Gasthöfe, sieben Pensionate und 32 Privatquartiere in Büdnereien und Häuslereien an.

Bevor wir nun unsere neunte Reise in die Vergangenheit antreten, soll uns noch der Eindruck eines Feriengastes auf den Geschmack bringen, der u.a. Folgendes nach Hause berichtet hatte:

Meine lieben Freunde daheimI

'Poel ist schon vor so langer Zeit entdeckt worden, daß alle Kunde davon inzwischen verloren gegangen ist. Ein Grund für mich, diese Aufgabe zu übernehmen, denn es wäre fatal, dieses schöne Insel-Ländchen der Vergessenheit anheim fallen zu lassen. Ich werde mich also als Pfadfinder aufschwingen und hier auf Poel ein bis sc hen herum spionieren. Noch kann ich zwar nicht viel berichten und auch nicht, woher die ersten PoeIer kamen, wenn ich nicht aushilfsweise auf Adam und Eva zurück greifen will. Heute wohnen jedenfalls Deutsche auf dieser Insel im Mecklenburgischen Meer, die neben Hochdeutsch auch das viel schönere Plattdeutsch sprechen. Aber was soll das Geschreibsel, ich werde euch zu Hause mit meinen Erlebnissen auf Poel beglücken! Ich hoffe auf einen freundlichen Empfang, so wie ihn mir die PoeIer auch bereitet haben.'

Ein herzliches Dankeschön allen Poelern, die mir bei meinen Forschungen mit Auskünften, Hinweisen und Fotos hilfreich zur Seite standen. Besonderer Dank gilt:

Anneliese Baumann (Poel)/ Wilhelm Baumann (Poel)/ Günter Blaschczok (Poel) / Prof. Dr. Ulrich Brenning (Rostock) / Marita Eggert (Poel)/ Gisela und Manfred Ellmer (Poel)/ Gundula und Uwe Gloede (Poel)/ Inge undArno Goessel (Poel)/Vollrat Gössel (Poel)/ Dr. Mitchell Grell (Poel)/ Astrid und Gerd KenzIer (Wismar) / Anton Langhoff (Poel) / Karla - Christine Lübeck (Poel) / Hans-Joachim Mellendorf (Poel)/ Erna undjochen Mirow (Poel)/ Ulrich Möller (Poel)/ Uwe Nausch (Poel)/ Helga Nennhaus (Poel) / Annemarie Röpcke (Poel) / Gisela Schwassmann (Poel) / Anneliese Tramm (Poel) / Ursula Ulack (Wismar) / Luise und Fritz

Voigt (PoeliHuckstorf) / Jürgen Westphal (Poel) / Lilly Warschun (Poel) / Maria Wilcken (Poel) / Hanns-Erich Winkelmann (Poel). Für die orthografische Durchsicht danke ich Frau Gabriele Schulz (Poel).

Jiirgen Pump

So sünd dei Peul er

Dei olle PeuIer MinschensIag seggt ierst toegrig: Gauden Dag.

Oewer gifft hei di dei Hand, fäuhIst du fix dat faste Band.

Sien GefäuhI twors liesing swiggt

un alltied up dei Luer liggt.

Kiirnmt hei oewer nehger ran, büst mit em ein Pott, ein Pann, höllt tau di, dor kannst up aff.

Man bet dor geiht "t ZuckeIdraff.

Jiirgen Pump

1. Nach unserer langen Bahnfahrt wählen wir ein bequemeres Fortbewegungsmittel und müssen nicht lange suchen. Hans Sültmann, wir kennen ihn bereits aus dieser Serie, erwartet uns mit seiner Taxe in der Nähe des Lindengartens. Wir sind erfreut, weil sich ein langes Warten auf den Dampfer oder Omnibus erübrigt hat.

Mit uns fährt der Bauingenieur Erich Kühn von der Wismarer Firma Carl Nicolai. Erich Kühn, der seinen Berufsweg nach dem Besuch der Großen Stadtschule in Wismar mit einem 'Unbescholtenheitszeugnis' erfolgreich abschloss, lernte bei der Wismarer Firma Sengebusch den Beruf eines Zimmermanns und studierte später bis zum Jahre 1925 an der Ingenieur-Akademie in Wismar (Zeughaus).

Bewaffnet ist Kühn mit einem Nivellierungs-Instrument, das er im Auftrag des Saatzuchtgutes Malchow zu Vermessungsarbeiten benötigt. Mehr zum Malchower Auftrag erfahren wir im Bild 3.

2. Gleich zu Beginn unserer Autofahrt zur Insel werden wir wieder einmal an den Bauingenieur und Stadtbauführer Karl Hoch erinnert. Wir kennen ihn seit dem Bau der PoeIer Brücke mit dem Dammbau 192 6 und dem Kirchdorfer Hafenbau mit seiner Slipanlage und dem Schlickfang im Jahre 1931. Auch in Wismar hinterließ Hoch deutliche Spuren. So fahren wir unmittelbar, nachdem wir das PoeIer Tor hinter uns gelassen haben, in Richtung Insel und passieren eine massive Brücke, die den 'Bürgermeistergraben vor dem PoeIer Tore' quert. Diese Brücke wird später einem Bahndamm weiehen müssen, der für den direkten Bahnanschluss des neuen Industriehafens angelegt wurde. Den Graben, aus dem Mühlenteich kommend, leitete man zu diesem Zweck um und das alte Bett des Wasserlaufes wurde zugeschüttet.

Dieser Banplan hier zeigt die Ansicht des Brückenbauwerks am Einlauf, die Draufsicht und den Querschnitt im Maßstab 1: 100. Hoch hatte im Jahre 1914 im Auftrag des Stadtbauamtes Wismar dieses Projekt entworfen und bauen lassen. Karl Hoch, geboren am 24.]anuar 1886 in Wismar, begann seine berufliche Laufbahn 1902 als Lehrling bei dem Zimmerermeister Schlie in Wismar, besuchte danach dieTiefbauschule Sternberg, arbeitete als Techniker bei dem Landbaumeister Vohs in Rostock und im Tiefbauamt Bielefeld. Ab 1913 war er dann als Bauführer im Stadtbauamt Wismar mit einjähriger Unterbrechung (Militärdienst) beschäftigt. Zwischenzeitlich arbeitete er auch als Bauführer in Bad Kleinen, bis er schließlich als Amtsbaumeister und später als Kreisbaumeister und Kreisbauamtmann der Stadt Wismar seinen Dienst versah.

Überliefert ist übrigens auch, dass man neben den Wismarer Bädern auch im Hafen, im Mühlenteich und bei der Brücke 'Vor dem PoelerTore' badete. Ein Übersichtsplan der Seestadt Wismar aus dem Jahre 1924 weist den Verlauf dieses Grabens mit seiner Brücke oberhalb der Bahnschienen aus. Und neben den vielen Details fällt in diesem Plan auch ein Vermerk auf, der erst in jüngster Zeit zum Streitpunkt der Stadtväter wurde und den Stadtteil 'Kagenmarkt' berührt. Zu lesen ist 'Kagenmark ohne 't'.

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3. Erich Kühn ist während unserer Autofahrt nach Poel sehr auf geschlossen und auskunftsbereit. Er zeigt uns eine auf einem Rechenblatt gezeichnete Skizze vomAmtsbaumeister Karl Hoch, auf der eine geplante nicht maßstabsgetreue 'Ackerdränage' für den Schlag 7 in Malchow über die Dorfstraße zum Breitling dargestellt ist. Zwei beiliegende Schreiben belegen, dass dieser Auftrag im Iahre 192 7 neben vier anderen Bewerbern an die in Wismar beheimatete Firma Nicolai für das Angebot von 5.273,59 DM durch den Saatzuchtbetrieb Hans Lembke vergeben worden war. Kühn besserte auf diesem Plan noch nach und fügte handschriftlich unter dem Wort 'Tonmuffenröhren' 'Garten Vieth' und unten links 'Weide Hellmann' hinzu.

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4. Nachdem wir den Ort Groß Strömkendorf durchfahren haben, übersehen wir am Ausgang des Ortes in Richtung Poel nicht ein altes Schulgebäude. Näheres zu diesem Haus entdecken wir dann im 'Iahrbuch der Volksschullehrer in Mecklenburg-Schwerin' aus demjahre 1912, das der'LandesLehrer-Verein' in Schwerin herausgegeben hatte. In dieser Schrift wird sehr detailliert von dieser Schule berichtet und es ist auch die Rede von den näheren Lebensumständen der damaligen Lehrer:

'Groß-Strömkendorfbei Wismar. Amt Wismar, eingepfarrt in Dreveskirchen. Bahnstation Wismar 8 km entfernt. Hofstelle. Wohnung: Haus 1855 erbaut, massiv mit Steindach, gut 4 Stuben und 1 Kammer. Scheune Fachwerk mit Pappdach. Acker 130 Ruten, Kartoffelacker im Hoffelde, gedüngt und bestellt, gewöhnlich leichterer Boden, Winterfütterung und Weide (Salzweide) für 3 Kühe und 1 Kalb unter den Hofkühen. Garten 130 Quadratruten, milder Lehmboden, guter Obstgarten. Feuerung: 18 Raummeter Buchen Kluft, 22 Raummeter Knüppel und 4000 Stück geringfügiger Torf Lehrerbargehalt 458 Mark aus der Amtsschulkasse und 126 M aus der Krüger'schen Stiftung zu Dreveskirchen. Naturalien: 23 6 pfund Weizen, 1456 pfund Roggen, 768 pfund Gerste, 249 pfund Hafer, 496 pfund Erbsen. Streustroh 9 Zentner. Die Schule ist einklassig, zurzeit (1912) 35 Schüler. Industrieschule ist bei der Stelle, ebenso Posthilfsstelle (50 M). Der Stelleninhaber ist seit Ostern 1896 der Lehrer Fritz Kreuzfeld.'

Kreuzfeld absolvierte von 1889 bis 1891 das Lehrerseminar in Neuklaster. Er wurde am 8. März 1866 geboren und verstarb im Alter von 93 Jahren am 2 o. April 1959 in Bad Doberan.

Laut Aussage seines Enkels, Jürgen, soll er sehr musikalisch gewesen sein, spielte gut Klavier und gründete in Dambeek sowie in Reddelich einen Gesangverein. Er rauchte gerne seine Zigarre oder auch die Pfeife, trank sein Gläschen Bier, dazu auch einen Kümmel. Wie aus dem Jahrbuch hervorgeht, war Fritz Kreuzfeld auch Posthalter in Strömkendorf In dieser Eigenschaft half er auch den schreibunkundigen Einwohnern, indem er Briefe und Glückwunschkarten schrieb. Eine Redewendung ist von dem vergesslichen Postboten Piersdorf überliefert, der, von Kreuzfeld oft ermahnt, immer sagte: 'WiJrn best hoffen!' (Wollen wir das Beste hoffen).

Kreuzfeld war von 1896 bis zum Jahre 1920 in dieser Schule als Lehrer tätig. Nach ihm hat dann dort noch ein Hans Alm gelehrt.

Hier eineAufnahme des Schulhauses um 1920. Rechts befand sich die Wohnung des Lehrers und links der Klassenraurn, der vom Giebel aus betreten wurde. Nicht im Bild befand sich links die Fachwerkscheune.

Nach dem zweiten Weltkrieg unterrichtete hier u.a. Elfriede Kupfer den Nachwuchs aus dieser Region, bis dann die Schule zum Kindergarten für die Malchower und Strömkendorfer Kinder wurde, in dem nach Frau Dettmann aus Strömkendorf auch die Poelerin Irene Westphal die Leitung übernommen hatte. Heute ist dieses Haus in privater Hand.

5. Diese Karte der Wismarbucht mit der Insel Poel ist die wohl älteste nachgewiesene bildliehe Darstellung dieser Region. Sie ist eine Kopie einer kolorierten Zeichnung aus dem Kriegsarchiv Stockholm vom Jahre 163 o. Eine sehr schöne Darstellung, die die Hauptbefestigungen in Wismar, am Walfisch, am Ende des Kirchsees in Kirchdorf und in Fährdorf zeigt. Auch sind in dieser Darstellung Tiefenangaben für den Seefahrer südlich und nördlich Poels vermerkt. Angefertigt wurde diese Zeichnung von den 'Kaiserlichen'. Die Karte wurde aber später von den Schweden erbeutet. Erstaunlich ist hierbei immer wieder die unterschiedliche Schreibweise von Poel. AufKarten und in Dokumenten finden wir u.a. die Bezeichnungen Poele, PoelI, Pöell, Pole, Pohl, Pule, Pöl, Pöhl, Pölen oder Pöel. Hier nun nannte man die Insel kurz Pöll.

Als etwas Besonderes muss die vermerkte Befestigung in Fährdorf anzusehen sein, die unmittelbar am Ende des Übergangs vom Festland zur Insel ihren Standort hatte. Nimmt man den Atlas des Bertram Christian von Hoinckhusen von 17 00 zur Hand, so ist schnell eine Verbindung zu diesem Eintrag hergestellt. In seiner Karte der' Abris der Ampter Nien-Bukau, Dobberan, Redentin und Swaarr' ist nördlich des Dammes am Ort 'Fehrdorp' (Fährdorf) der Eintrag' Alte Burg' und 'Old Borg' zu finden. Hoinckhusen könnte möglicherweise auf die kolorierte Zeichung der 'Kaiserlichen' Bezug genommen haben.

6. Wann die ersten Brücken zur Insel Poel wirklich gebaut wurden, ist bisher nicht zufriedenstellend beantwortet. In der Festrede bei der Jahrhundertfeier des Gutes Groß Strömkendorf am 25. Juni 1924 aber ist Folgendes festgehalten:

'Seit alter Zeit schon bestand eine Brücke zwischen Poel und dem Festland und diese Brücke wurde am 10. Februar 1625 durch eine schwere Sturmflut zerstört. Es fand sich hierzu eine Bescheinigung zum Wiederaufbau, unterschrieben von 14 PoeIer Dorfschulzen und Einwohnern, die schreiben konnten. Noch schwereres Unheil brachte ein Sturmhochwasser um das Iahr 1660, daß von den Feldmarken Groß Strömkendorf, Redentin und Wismar festes Land verschlang. Dies ist ausdrücklich auf einer im Jahre 1698 angefertigten Karte bezeugt. Ein drittes schweres Sturmflutunglück brachte das Ende des 18. Jahrhunderts und der im Iahre 1760 zum ersten Male über den Meeresarm nach Strömkendorf zugeschüttete Damm brach bei diesem Ereignis und von da an musste der Brückenwärter bei hohem Wasser wieder Fährdienste tun. 1858 endlich führte wieder ein hochwasserfreier Damm vom Strömkendorfer Acker bis zur PoeIer Brücke. Interessant ist übrigens auch, dass in diesemjahr das jetzige Brückenwärterhaus errichtet und die Brücke neu aufgeführt wurde. Die Brücke war bis dahin eine Zugbrücke.'

Eine andere Quelle sagt: Am 2 o. September 1627 geben die Dänen die Schanzen bei Strömkendorf auf und ziehen sich auf ihrer Flucht vor den Kaiserlichen auf die 'Vestung Pöl' zur Fährdorfer Schanze zurück. Dabei brachen sie vermutlich die Brücke ab und gaben die Brückenschanze dann am 7. Oktober 1627 auf Aber bereits am 4.11.1627 gibt es Bestrebungen, die PoeIer Brücke wieder aufzubauen. Um den Zugang zur Insel zur verbessern, ließ der niederländische Baumeister Pilooth, der den Auftrag zum Bau eines Schlosses in Kirchdorf im Jahre 1614 erhalten hatte, zwei Holzbrücken bei Fährdorf bauen, die durch zwei Schanzen geschützt waren. Aufgrund dieser Schanzen nannte man später den Brückenwärter auch 'Schanzrnanri' .

Am 8. Oktober 192 2 und am 17. Ianuar 1923 war dann die Rede von der Schaffung eines Polder's, der Neuland eindeichen und 150 000 Mark kosten sollte. Das stieß aber auf vehementen Widerstand der Fischer und sie begründeten ihren Unmut mit folgenden Worten:

'Der Breitling ist Stätte für Jungaale und Laichplatz für Krabben und Seefische. Die Fischer würden brotlos werden, da sie ohne Brücke keinen Zugang zur offenen See mehr hätten.'

Eine seltene und friedliche Ansicht von der großen Holzbrücke mit dem Fährhaus zeigt hier das Spiegelbild im stillen Wasser des Breitlings. Es wird die Zeit gewesen sein, in der der letzte Brückenwärter Weidemann dort seinen Dienst tat. Der Blick geht hier in Richtung Brückenwärterhaus mit seinem Schutzwehr aus Balken und Steinen. Dieses Schutzwehr zog sich von der östlichen zur nördlichen Seite des Fährhauses bis zum Ende des Stalles rechts hin. Das Stallgebäude existiert heute noch (2004), nur wurde es zuvor von Robert Lange verlängert. Von ihm ist überliefert, dass er sich den Zorn der Fischer zuzog, als er die Genehmigung zum Ziehen der Jochpfähle beim Abriss der Brücke im Jahre 1926 erhalten hatte. Die Fischer waren der Auffassung, dass sie die größeren Rechte auf dieses wertvolle Holz hätten.

7. Unsere Fahrt mit Hans Sültmann endet eingangs des Ortes Kirchdorf an der 'Sigglow-Schule'. Diese Schule wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur zu Unterrichtszwecken genutzt. Die Bevölkerungszahl war durch den Zuzug von Umsiedlern vor allem aus den östlichen Reichsgebieten sehr stark angewachsen. Waren es zuvor im Jahre 1939 noch 1895 Einwohner, erhöhte sich dann die Zahl auf 4600 Menschen. Die Häuser waren überbelegt und die Gaststätten dienten als Massenquartiere. Diese Situation, verstärkt durch die schlechte Ernährungslage, ließ Krankheiten in bedrohlichem Ausmaß ansteigen. So breiteten sich Typhus, Fleckfieber, Diphtherie, Scharlach, Ruhr und sogar Malaria auch im Raum Wismar und der Insel Poel aus.

Zu den ersten Maßnahmen nach dem Krieg zählte auf Poel die Errichtung einer Seuchenstation in der 'Sigglow-Schule' (heute Kurverwaltung). Besonderes Augenmerk legte man natürlich auf strenge hygienische Verhältnisse. Das war auch in einer Anordnung zur Bekämpfung von Seuchen im Jahre 1945 festgelegt. In dieser Schrift wurde jeder Bürger zum Mithelfen aufgefordert. Konkret hieß es: 'Wasser und Milch ist abzukochen - Fliegen mit Fliegenklappe vernichten - Nahrungsmittel vor Fliegen schützen - bei Abortgruben Ritzen und Spalten gegen Fliegen mit Lehm abdichten - Jeder Abort muß einen gut schließenden Deckel haben - Abortsitze zweimal täglich mit heißem Wasser abscheuern - bei jedem Stuhlgang größte Reinlichkeit beachten (kleinere Kinder überwachen) - wo keine Aborte vorhanden sind, müssen sofort Latrinen gebaut werden - nach dem Stuhlgang Hände wasehen - Kot im Freien sofort vergraben - Abfallplätze sind mit Erde zu überdecken - Keime werden abgetötet, indem Wäsche gekocht wird - das Spülen der Wäsche in Teichen und Gräben ist verboten.'

Im Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 26. Oktober 1945 findet sich zu diesem Thema folgende Notiz: 'Pür die Seuchenstation soll für jede Person von 18 bis 60 Jahren eine Umlage von RM 1,- erhoben werden.' Und fast ein Iahr später, am 2 o. Februar 1946, ist dann in der Gemeindeausschuss-Sitzung von einer Entlausungsanstalt die Rede: 'Der Bau einer Entlausungsanstalt wird für die besserejahreszeit zurück gestellt. Entlausung vorerst in Blowatz. Gebühr eine Mark.' Noch konkreter wird es in der Sitzung vom 6. Juli 1946, in der die PoeIer Schulverwaltung dringend die Schule beansprucht, in der die Seuchenstation untergebracht ist. Betont wurde: 'Die Gemeinde Blowatz hat sich bereit erklärt, unsere Kranken in ihrer Seuchenstation in Dreveskirchen aufzunehmen.' Die Räumung der Seuchenstation wurde dann auch beschlossen und der Termin mit dem 15. Juli 1946 festgelegt. Aber vier Jahre später befasste man sich immer noch mit dem Thema Seuche. Bürgermeister Großmann, gerade ab dem 15. März 1950 im Amt, forderte den PoeIer Fuhrunternehmer Wilhelm Knull ungehalten in einem Schreiben auf:

'Wir haben Sie schon mehrere Male gebeten, die Müllabfuhr im Arzthaus vorzunehmen. Es wird uns gemeldet, dass dieser Auftrag bis heute noch nicht durchgeführt wurde. Bei Beginn der wärmeren Jahreszeit ist die Gewähr der Seuchenverbreitung eine erhöhte und wir bitten, die Müllabfuhr bis 1.6.1950 unbedingt vornehmen zu wollen.'

Dieses Foto von der 'Sigglow-Schule' entstand im Mai 1949.

8. Auf unserer Wanderung zum Schwarzen Busch begegnen uns diese drei Herren im Jahre 1939, die sich nicht zum Vergnügen in Gottes freier Natur aufhalten. Es sind Sattlermeister Friedrich Grünberg im Vordergrund, Wachtmeister Hermann Kienke und sitzend der Bäckermeister Louis Kitzerow, die in einer ausgehobenen Erdstellung als 'Flugwacht' südwestlich des Schwarzen Busches auf dem Kickelberg Dienst tun. Diese primitive Beobachtungsstelle wurde später zu einem Bunker ausgebaut. Reste davon, wie z.B. die Zugangstreppe, waren noch in den 1960er Jahren zu erkennen. Bis Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die Sicherungsaufgaben von der 'Landwehr' an den PoeIer Küsten erfüllt. Sie standen unter dem Befehl des Kaufmanns Hermann Trost aus Kirchdorf Die Männer waren während der Kriegszeit mit Karabinern und schwerem Maschinengewehr ausgerüstet. Vermutlich war diese Stellung hier im Bild die einzige auf der Insel Poel. Es gab aber auch Absichten, zur Ablenkung eventueller Luftangriffe auf die Stadt Wismar Qualmfeuer im Reetrnoor anzuzünden. Während Louis Kitzerow über ein Feldtelefon eine Meldung abgibt, schauen Kienke und Grünberg scheinbar äußerst dienstbeflissen ins weite PoeIer Land. Die Zeltplane zwischen Kitzerow und Kienke wird sicherlich dem Wetterschutz gedient haben.

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