Kiedrich in alten Ansichten

Kiedrich in alten Ansichten

Auteur
:   Dr. h.c.Josef Staab
Gemeente
:   Kiedrich
Provincie
:   Hessen
Land
:   Deutschland
ISBN13
:   978-90-288-5174-0
Pagina's
:   80
Prijs
:   EUR 16.95 Incl BTW *

Levertijd: 2-3 weken (onder voorbehoud). Het getoonde omslag kan afwijken.

   


Fragmenten uit het boek 'Kiedrich in alten Ansichten'

<<  |  <  |  1  |  2  |  3  |  4  |  5  |  6  |  >  |  >>

21. 'Es klappert die Mühle am rauschenden Bach ... '

Als einer der letzten Vertreter einer stolzen Zunft steht Peter August Müller von der Weihermühle im 'Perrich' (Wasserhaus) neben seinem Mühlrad. Als diese Aufnahme Ende der zwanziger Jahre entstand, ging die alte Mühlenherrlichkeit und -romantik langsam zu Ende. Von den 15 Mühlen am Kiedrieher Bach waren nach dem Zweiten Weltkrieg noch eine Spundendreherei, zwei Sägemühlen und zwei Mahlmühlen in Betrieb; in früheren Zeiten gab es hier sogar Papier- und Pulvermühlen. 1955 stellte auch die Weihermühle ihren Betrieb ein. Die gesamte Einrichtung blieb jedoch erhalten. Das Rad ist ein oberschlächtiges Wasserrad, das heißt das Wasser füllt über den 'Schußkennel' von oben die Kammern an der Peripherie und setzt es durch sein Gewicht in Bewegung. Das war die Regel bei Gebirgsbächen mit geringer Wasserrnenge, aber hoher Fließgeschwindigkeit. Die Schiffsmühlen auf dem Rhein hatten unterschlächtige Räder. Hier drückte die gewaltige Wassermenge bei geringem Fluß gegen die Schaufeln des Rades an seiner unteren Peripherie. Für Kinder waren die Mühlen mit ihrem verwirrenden Räder- und Riemenwerk und den großen Mahlsteinen voller Romantik; dazu zitterte das ganze Haus. Die Bauern ließen ihr Getreide im Lohnverfahren mahlen, brachten das Mehl zum Bäcker und holten ihr Brot gegen den Backlohn ab, solange der Vorrat reichte. Das wurde in einem Brotbüchlein vermerkt. Ansonsten hatten die Müller mit den Bauern ewig Streit wegen des Wässerungsrechtes der Wiesen. Hatten die Bauern, wie es ihnen laut Herkommen zustand. am Dienstagabend alles Wasser auf die Wiesen geschlagen, so dachten sie nicht daran, es Mittwochs wieder ins Bachbett zurückzuleiten, Die Müller gingen mit Hacke und Schippe fluchend bachaufwärts, 'die Bach suche'. Beim Ewigen Gebet hatten die Müller ihre eigene Zeit, 'die Müllerstunde' . Auch ihre Beerdigung verlief nach alten Gebräuchen.

Bei den Abrechnungen über Mehloder geschlagenes Öl soll es nicht immer ganz korrekt zugegangen sein (siehe bei Bild 2). Etwas ähnliches erzählte meine Großmutter. Als sie einmal Öl abholte, beschwerte sie sich bei der Müllerin über die ihrer Meinung nach zu gering ausfallende Menge mit der Bernerkung: "s nechste Mol giehn eich in die Nochberschaft', und erhielt die klassische Antwort: 'Dann kimmste werre (wieder) bei en Miller!' Der Freundschaft der Familien tat das keinen Eintrag.

22. Straßenbau um 1930 auf der Letschkaut.

Sie trägt ihren Namen vom Letten, der dort in einer Grube (Kaut) gewonnen wurde, vor allem für Dichtungszwecke. Heute heißt sie Bingerpfortenstraße, aber eine Seitenstraße bewahrt den alten Namen. Die neue Straßendecke, die hier entsteht, ist natürlich eine 'wassergebundene' , an Asphalt war noch nicht zu denken. Hier war der Unterbau, das Gestück, bereits vorhanden. Die alte Decke wurde aufgerauht, neuer Schotter ('Kloppstoon,) aufgebracht, angewalzt, Deckmaterial (Sand, Kies) darüber, wieder angewalzt, dann erneut Deckmaterial und mit viel Wasser eingeschlämmt, wiederum mithilfe der Dampfwalze. Die Maschine auf dem Bild stellte mit Bedienung (die 'Walzebrieder') die Firma Scheid in Limburg. Rechts führt die Aufsicht der Wegewärter Stein aus Erbach (Spitzname: Radieschen). Alle Transportarbeiten leistete das Pferd: für die Anfuhr von Schotter und Sand mit der 'Schublad' , einem zweirädrigen Karren mit aufgesetztem Kasten, den man kippen konnte. Für das Wasser wurde ein Faß, gewöhnlich ein ausrangiertes Halbstück (Weinfaß à 600 Liter), aufgelegt. Den Weinbauern - im Bild mein Vater Michael Staab mit Pferd und 'Schublad' - galt der Straßenbau als lohnender Nebenverdienst wie auch die Abfuhr von Nutz- und Brennholzim Winter.

Am Ortsausgang stand bis 1911 noch die Bingerpforte; sie war auch, abgesehen von wenigen Ausnahmen, die Bebauungsgrenze, abgeschlossen links vom 'Nassauer Hof', rechts von der Schule mit ihrem Uhrtürmchen. Vor dem Nassauer Hof steht die Umspannstation der Rheingau-Elektrizitätswerke in häßlichem Blech, rechts liegt hinterm Eisenzaun noch unberührt 'Buschmanns Garten' mit seinen Obstbäumen. Heute ist alles besiedelt; es entstand bis zur Gemarkungsgrenze nach Erbach (Holzweg) ein geschlossenes Neubauviertel mit Sportplatz und neuer Schule.

23. Pfiihlefûr die Weinberge, ca. 1905.

Was heute fast nur noch für die Mosel gilt, die 'Erziehung' der Reben an Pfählen, war ehemals überall verbreitet, so auch im Rheingau, aber mit Varianten. Das Rheingauer Schema sah vor, daß am Pfahl drei Rebstöcke (Schenkel) standen; es folgte ein isoliert stehender Pfahl, dann wieder einer mit drei Schenkeln usw, Beim Rebschnitt wurde ein Schenkel 'zur Erholung' auf einen Zapfen mit zwei Augen zurückgeschnitten; die beiden anderen erhielten lange 'Bogreben' , die beim 'Gerten' beiderseits zum leeren Pfahl gebogen und dort mit Weiden angebunden wurden. Die grünen Sommertriebe (Loren oder Lotten) wurden mit Strohbändern an den Pfählen hochgebunden ('geheftet'), und wenn sie die Pfähle überragten, abgeschnitten ('gegipfelt', siehe Bilder 1 und 2). Die Pfähle (der 'Pohl', die 'Pehl' vom lateinischen palus) waren im Rheingau aus Eichenholz, aus dem vollen Stamm 'gerissen'. Das war Facharbeit, die nicht jeder konnte. Die 'Pehlmänner' kamen oft aus Hallgarten wie Franz Orth, der links im Bild mit 'Pehlbeil' und Holzschlegel den Rest eines Eichenstammes auf dem Hackklotz aufreißt. Am Boden liegen zwischen eingeschlagenen Pflöcken fertige, auch schon angespitzte Pfähle gestapelt.

Rechts hält mein Großvater Josef Friedrich ein Gebund Pfähle im Arm, neben ihm seine Tochter Barbara (Betty, meine Mutter), sitzend am Boden der jüngste Sohn Jakob Friedrich. Die Söhne Peter und Josef Friedrich reichen Holz an; im Hintergrund liegen weitere, schon abgelängte Eichenstärnme,

Dieser enorme Holzaufwand strapazierte die Rheingauer Wälder und verteuerte ganz wesentlich die Kosten für die Neuanlage eines Weinbergs, worüber seit Jahrhunderten geklagt wurde. Als man in unserem Jahrhundert begann, auch die Weinberge rnit dem Pflug zu bearbeiten, wurden die eng und krumm stehenden Pfähle ein Opfer der Technik. Die billigere und länger haltbare Drahtanlage setzte sich durch. Sie hat neben dem Rationalisierungseffekt auch einen qualitativen Vorteil: die Pfähle faulten mit der Zeit, wurden immer neu gespitzt und 'gestickt' (in den Boden gestoßen) und so laufend kürzer. Kürzer wurden damit auch die sommerlichen Rebtriebe beim Gipfeln, das heißt es standen immer weniger Blätter, die dazu noch eng zusammengebunden waren, für die Ernährung der Trauben und deren Zuckerbildung zur Verfügung. In der Drahtanlage haben alle Triebe eine optimale Länge, alle Blätter stehen frei zum Licht, und das Mostgewicht weist höhere Werte auf.

24. Sommerliche Idylle in der Bornwiese 1926.

Im Vordergrund verläuft der Wiesenpfad, links überquert ein Steg den Kiedrieher Bach. Eine Frau (meine Großmutter Josefine Staab geborene Bibo) kehrt von der Gartenarbeit heim. Sie trägt Rock und 'Mitzje' (Bluse), eine lange Schürze, um den Kopf das weiße Kopftuch und die Hacke in der rechten Hand. Der linke Arm schlenkert frei. Auf dem Kopf trägt sie über einem runden, bunt zusammengenähten Kissen ('Kitzel') frei balancierend einen Korb mit Gartenerzeugnissen. Auch Wasser vom Brunnen in offenen Bütten und der Mist in die Weinberge (daher der Mistkorb mit zwei Henkeln) wurde so getragen. Viele Frauen und Mädchen beherrschten diese Kunst, die ihnen einen sehr freien und stolzen Gang verlieh. Ein Spaziergänger überquert die Wiese. Ihm folgt der Hofmann (=Weinbergsarbeiter) der Domäne (Staatsweingut), Wendelin Frank, mit dem Schwefelbalg auf dem Rücken, Sein Ziel ist der Gräfenberg, wo er Schwefelpulver verstäubt, zeilauf, zeilab, um damit den echten Mehltau (Oidium) der Reben zu bekärnpfen: eine harte und sehr unangenehme Arbeit, die nicht recht zur Idylle passen will. Links kommen wieder die Pappeln ins Bild und der Scharfenstein mit der Weinlage Turmberg, heute aufgegangen in der Lage Wasserros. Das Bild beherrscht die ebenmäßig geneigt erscheinende Kuppe des Grafenbergs. Die Weinbergsflur von Kiedrich hat einen Umfang von 170 Hektar = 680 Morgen. Doch haben die Winzer auch noch Eigentum in den Nachbargerneinden Eltville und Erbach. Neben zwei großen Weingütern leben heute 16 Winzer ausschließlich vom Weinbau, sind Vollerwerbsbetriebe, was ab etwa 5 Hektar möglich ist; 155 betreiben ihn im Nebenerwerb und sind zum Teil in der 1893 gegründeten Winzergenossenschaft zusammengeschlossen. Auf 86% der Rebfläche wird der Riesling, der König der Weißweine, angebaut; eines seiner zahlreichen Synonyme heißt übrigens 'Gräfenberger'. Die Sorte Spätburgunder , die im Mittelalter auch der Gräfenberg trug, später jedoch auf die Rheingauer Rotweininsel Aßmannshausen beschränkt war, gewinnt im ganzen Rheingau wieder an Boden, in Kiedrich mit zur Zeit4% der Rebfläche.

25. Weinetikett vom Ende des vorigen Iahrhunderts.

Die 'Gräfenberg Auslese', vor allem aus dem Jahrgang 1893, glänzte Jahrzehnte lang auf allen Hoftafeln in Europa und zum Teil in Übersee. Und sie entstammte meist dem hier genarmten Weingut, dessen Gutshaus, vor Gräfenberg und Turmberg und in der Nachbarschaft von Kirche und Michaelskapelle, sich in romantischer Verspieltheit präsentiert. 1906 errang ein Wein dieser Lage auf einer internationalen Ausstellung den ersten Weltpreis, aber schon 1765 hatte sie das älteste Weinbau-Fachbuch Deutschlands unter die sieben vorzüglichsten Lagen des Rheingaus eingereiht. Vom Eigentum der Rheingrafen, der Herren des Rheingaus vor der kurmainzischen Zeit, trägt er seit dem 12. Jahrhundert seinen Namen. Bis 1803 gehörten wesentliche Anteile davon der Zisterzienserabtei Eberbach. Aber auch die Familie des Erfinders der Buchdruckerkunst, Johannes Gutenberg, war, wie Wappen auf Grenzsteinen zeigen, hier begütert. Die Bodenformation des Berges, der grüne Serizitschiefer, unterscheidet ihn deutlich von anderen Lagen und prägt seinen Wein. Der Gräfenberg wird umgriffen von der Lage Wasserros, in der auch der Turmberg - im Hintergrund unterm Scharfenstein - einbegriffen ist. In einer Altarstiftung von 1393 heißt sie Wasserrunst, ist also nach einem Rinnsal, einem sogenannten Hungerbrunnen, benannt. Die umfangreichste Lage ist die Sandgrub, ebenfalls schon im 14. Jahrhundert erwähnt. Die Lage Klosterberg betont die Nachbarschaft zum Kloster Eberbach, von dem über Jahrhunderte wesentliche weinbauliche Impulse ausgingen. Die Kiedrieher Großlage, die die Einzellagen überdeckt, ist der Heiligenstock, benannt nach einem schon lange verschwundenen Bildstock. Erst in unseren Tagen erstand er neu mit einer Traubenmadonna und Weinheiligen. Nirgends finden sich in der Landschaft mehr Kreuze und Bildstöcke von Schutzheiligen, als in den Weinbergen zum Schutz und Segen für Rebe und Wein. Denn keine Frucht ist empfindlicher und risikoreicher im Anbau als die Rebe.

<<  |  <  |  1  |  2  |  3  |  4  |  5  |  6  |  >  |  >>

Sitemap | Links | Colofon | Privacy | Disclaimer | Leveringsvoorwaarden | © 2009 - 2020 Uitgeverij Europese Bibliotheek