Kirchen in alten Ansichten Band 2

Kirchen in alten Ansichten Band 2

Auteur
:   Thomas Leginger
Gemeente
:   Kirchen
Provincie
:   Rheinland-Pfalz
Land
:   Deutschland
ISBN13
:   978-90-288-4715-6
Pagina's
:   160
Prijs
:   EUR 19.95 Incl BTW *

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Fragmenten uit het boek 'Kirchen in alten Ansichten Band 2'

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40. Am 1. August 1860 war die Bahn von Deutz bis Wissen übergeben worden. Nun mußten Berg- und Zimmerleute und die bei den Erdarbeiten eingesetzten Kroaten und Italiener in Tag- und Nachtarbeit tätig sein. Am 28. Dezember 1860 traf die erste Lokomotive in Siegen, am 30. Dezember in Betzdorf ein. Sie waren englisches Fabrikat, die ersten Führer ebenfalls Engländer. Sie verdienten sieben Taler, etwa zwanzig Mark am Tag.

Am 10. Januar 1861 - es ist ein Donnerstag gewesen - dampfte der erste Zug durch den Ort Kirchen, Der Bahnhof stand im Girlandenschmuck, an der Strecke hatten sich die Lehrer mit den Schulkindern aufgestellt und an dem bitterkalten Tag stundenlang ausgeharrt, um den Lokomotivführer mit dem Cylinder zu sehen und die Maschine zu bewundern. Sträuße von Papierblumen wurden in die zum Teil noch offenen Wagen geworfen, die mitfahrenden Ehrengäste jubelnd begrüßt.

In der ersten Zeit fuhren drei Personenzüge siegaufwärts und die gleiche Zahl siegabwärts. Im ersten Jahrdes Bestehens der Bahnstrecke verkaufte die Station Kirchen 40509 Fahrkarten und nahm im Personenverkehr 10 810 Mark ein, im Güterverkehr 130268,07 Mark. Außer den wenigen weitschauenden Menschen, die von der künftigen Bedeutung des Schienenstranges überzeugt waren, und den Kindern, soll man dem dampfenden und zischenden Gefährt ein böses Ende voraussagt haben. In Betzdorf hatte ein Grundstückseigentümer einen Teil seines Gartens für die Bahn freigegeben. Er sagte aber den 'Bahnkerlen' Bescheid: 'Owends öm sechs wird det Gardedürchen zogemaaht, dann hürt mer de Fuhrwerkerei üwwer mejnem Stöck of!' Mit den Jahren aber legte sich die Abneigung gegen die Eisenbahn, und die Reiselust wurde sehr rege. Die Strecke Freudenberg-Wehbach wurde am 15. Mai 1888 und Wehbach-Kirchen am 1. Juni 1888 dem Verkehr übergeben.

Der Zweite Weltkrieg brachte großes Unheil über die Bahn. In der Nacht vom 28. zum 29. März wurde sechs Brücken zerstört. Am Montag, den 25. November 1957, wurde der Eisenbahnverkehr zwischen Kirchen und Brachbach nach zwölf Jahren wieder zweigleisig aufgenommen. Der ursprüngliche Kostenaufwand für diese nur kurze Strecke von Betzdorf nach Brachbach mit ihren neun Brücken und drei Tunnels, den Einschnitten, Aufschüttungen, Gleisanlagen und Gebäuden betrug mehrere Millionen Taler.

41. Drei Hausfrauen auf dem Wege zum täglichen Einkauf ins Unterdorf. Was sie sich wohl unterwegs zu erzählen haben? Lauschen wir ihnen doch einfach mal ... : So war's friiher, so ist's heut! Reinlichkeit zu ieder Zeit. Sollte die Wäsche sein wie neu, nahm man ein Säckchen Wäschebläu. Das gab der Wäsche den letzten Schliff, fiir [ede Hausfrau ein Begriff Zuviel davon durfte es nicht sein, sonst konnt es passieren wie jüngst der Frau Klein. Denn, oh Schreck, oh Graus, wie sahen die Gardinen aus? Sie waren blau, vom tiefsten Dunkel, kein Licht drang hindurch, kein Sonnengefunkel. Frau Klein nahm fiir die Gardinenwäsch, zuviel der Bläu, das war ihr Pech. Als ihr das Unglûck war geschehn, wollt sie es aber nicht eingestehen und sprach dariiber voller Gram: 'Schon find ich dies und wundersam. So etwas, das seh ich gern und wird bestimmt auch bald modern!' (Nach Paula Pitthan.) Eingekaufte Waren oder Kuchen von Hochzeit oder Taufe trug man mit Vorliebe im großen, bunten Taschentuch (Sacktuch) nach Hause. Die Frauentracht war ebenso schlicht wie gediegen und kleidsam. Das Festgewand, das an hohen Feiertagen, zur Hochzeit, Taufe und Beerdigung angelegt wurde, bestand aus feinem blauen oder schwarzen 'Brabanter Tuch'. Der weite, fein gefältelte Rock war durch einen schmalen Bund mit der engen Jacke verbunden. Der Rock reichte knapp bis zum Knöchel und ließ über den mit blanken Schnallen geschmückten niedrigen Schuhen die weißen Schafwol1strümpfe sehen. Das schmucke Aussehen des Festkleides wurde besonders durch den Kopfputz erhöht, eine Haube aus weißem, steif gestärkten Leinen. Weiße Bänder, zu einer festen Schleife gebunden, hielten die Kappe unter dem Kinn fest. Nach Erzählungen alter Leute sollen Frauen unter der Kappe gerne Tabak aus dem nassauischen herübergeschmuggelt haben, wenn ihre Männer das Versteek im Zylinder nicht für sicher hielten. Wohl aus Sparsamkeitsgründen kamen neben den weißen Hauben auch schwarze Spitzenhauben von gleicher Machart auf und die schwarze 'Mötschen' aus Seidentuch und in Kapuzenform.

42. Links: der Bieragent und Hopfenhändler August Thomas (1841-1925) stammte aus dem Hickengrund und neigte wie alle Hicken zum Handel und unsteten Leben in der Fremde. Er fuhr zu den Markten nach Leipzig, Dresden und bis in den Holledau. Schon seine Vorfahren, Johann Henrich (1800-1886) und dessen gleichnamiger Vater (1769-1820), hatten mit Hopfen, Mehl und Branntwein gehandelt, und wer kein rechter Fuhrmann war, galt nicht als rechter Hick.

Auf den alten Fernstraßen wurden die Erzeugnisse der Siegerländer Stahlhütten und Stahlschmieden den Messen und Märkten des Rhein-Main-Gebietes zugeführt und die Fuhrleute brachten von dort Kolonialwaren, Lebensmittel und solche Produkte mit, die unser Land nicht selbst oder nicht ausreichend erzeugte. Noch im vergangenen Jahrhundert besaßen die Fuhr- und Bauersleute im Hickengrund einen solchen Wohlstand, daß sich Fabrikanten und Kaufleute aus Siegen bei ihnen Geld leihen konnten. August Thomas heiratete am 7. Dezember 1871 Wilhelmine Kaiser (1846-1927), die ihm drei Söhne und drei Töchter gebar.

Rechts: Friedrich Wilhelm Henrich (1858-1929), seines fremdländischen Aussehens auch der 'Filipino' genannt, kam 1902 der besseren Ceschäfte wegen von Freudenberg nach Kirchen und richtete im Erdgeschoß des 1908 erbauten Hauses an der Siegbrücke ein elegantes Schuhgeschäft ein. Sein Großvater Johannes (1758-1831) war in Caan bei Siegen geboren und heiratete nach Plittershagen, wo er als Zuckerbäcker für die gerade im Lande weilenden Franzosen die 'Franzebrüjtcher' herstellte. Nach seinem Tode zog die Witwe mit dem 13jährigen Sohne Daniel ins Ruhrgebiet, doch kehrte der junge Mann nach wiederum dreizehn Jahren in die Heimat zurück, liefs sich als Schuhmacher dort nieder und heiratete am 18. August 1844 die Annakatrin Nies aus Brauersdorf (1824-1860), von der die Henrich die schwarzbraunen Haare und die asiatischen Gesichtszüge haben. Sie starb bei der Geburt des jüngsten Kindes arn Kindbettfieber und Daniel (l818-1892) blieb zweiunddreißig Jahre Witwer.

43. Herrnann Friedrich Henrich war nicht nur als Soldat ein Draufgänger und Abenteurer. Am 11. Juni 1889 in Freudenberg geboren, besuchte er in Kirchen das Progymnasium und bildete sich im Geschaft seines Vaters an der Siegbrücke im kaufmännischen Berufe aus. Da ihm dieser nicht recht behagte, meldete er sich freiwillig zum Sächsischen Fußart. Rgt. 219, in das er als Offiziersanwärter eintrat. Im Kriege wurde er mit dem Eisernen Kreuz und der Friedrich-August-Medaille in Silber mit dem Bande für Kriegsdienste ausgezeichnet. Er heiratete am 27. August 1919 Wilhelmine Franziska Ihle, die ihm zwei Kinder schenkte.

Viele Soldaten wußten nach dem verlorenen Krieg nicht so recht, was sie machen sollten und hatten Schwierigkeiten, im privaten Geschäftsleben erfolgreich zu sein. So verläuft sein Leben weiterhin sehr unstet und die Weltwirtschaftskrise veranlaßt ihn im September 1930, auf der Suche nach einer neuen Existenz die Earnilie zu verlassen und nach Holland zu gehen. In Rotterdam erhält er schon am 27. Oktober 1931 eine Schankkonzession und eröffnet ein Jahr später mit einern Freund das 'Café Raadskelder' in der Hoogstraat. Hier haben ihn auch Willi Christ und einige andere Kirchener einmal besucht. Das Café fiel im Mai 1940 den Bomben zum Opfer. Hermann Henrich zog nach Schiedam ins Wehrmachtskasino (1941) und wurde wieder Soldat. Am 5. November 1944 kehrte er von einem Kontrollgang nicht mehr zurück und wurde am anderen Morgen ertrunken im Nieuwe Haven gefunden und mit militärischen Ehren beigesetzt.

44. Die Konfirmandin Maria Auguste Ihle am 9. März 1913 in der Antoniterkirche zu Köln. Als vierte Tochter des Kaufmannes Christian Ihle (1859-1902) und der Wilhelmine, geborene Fliegenschmidt (1865-1912) aus Bruchsal am 2. Januar 1899 geboren, zog sie 1899 mit der Familie nach Köln, wo man bis zum Tod der Eltern und der dritten Tochter (1912) blieb.

Die drei Schwesterngingen nun nach Kirchen, die älteste, Emilie, heiratete den späteren Heimatdichter Otto Kasch, Franziska den Soldaten Henrich und nur 'Gustel' blieb ledig. Als Hausmädchen ging sie zu einem Studtenrat nach Barmen, war von 1921 bis 1932 in Jena unter anderem im Theater-Café Puhlvers als Bufettdame tätig und schließlich als Gesellschafterin vom Dezember 1932 bis Sommer 1934 im Nobelhotel Sanssouci in Brückenberg bei Hirschberg irn Riesengebirge. Des nahen Todes ihrer Schwester Franziska wegen kehrte sie nach Kirchen zurück und eröffnete in der Schulstraße am 4. März 1935 ein Textilgeschäft, das sie bis zum 5. Oktober 1970 führte. Sie verstarb am 4. Februar 1974.

45. Auf dem Land war noch im Jahre 1776 jede Krämerei streng verboten, erst später erhielten einzelne Kirchspieldörfer - auch Kirchen - die Erlaubnis, für den Landmann dringend notwendige Dinge feilzuhalten. Kleidungsstücke und Schuhwaren durften jedoch nur von den Zunftgenossen angeboten und verkauft werden. Nach den Freiheitskriegen wurde das Verbot aufgehoben. Die ersten Geschäfte und bescheidenen Ladehen öffneten ihre Türen,

Der Vater von Peter-Jungs Wilhelm betrieb im heute Ermert'schen Haus eine Wirtschaft mit Bäckerei. Der Großvater vorn Schlosser Lackner hing ein Schild an das Haustor 'perpetuum mobile'. Was das heißen sollte, das wußte er nicht, und nur die beiden geistlichen Herren im Dorf übersetzten die Worte mit einern feinen Lächeln, Der alte Cramer eröffnete eine Kolonial- und Spezereihand1ung. Wenn man das Bier bis dahin von der Neuwieder Brüdergemeinde in sogenannten 'Änkerchen' bezogen hatte, so braute man bald auch in Kirchen in zwei Häusern. Im Jahre 1858 errichteten Cronraths auf dern Buchenhof eine Brauerei, und Eckebenders (später Balz am Kirchplatz) machten sogar ein Hotel auf, Den Feierabend genossen die Dorfleute bei Engel Strüders, bei Morgenschweis oder im heutigen Jägerheim, das man damals der streitbaren Tochter wegen 'Zurn roosigen Bersen' nannte.

Unser Bild zeigt den Laden des Eeinkosthauses Gustav Haubrich in der Bahnhofstraße.

46. Die Bahnhofstraße hat einst ruhigere Tage gesehen, als sie noch der Postweg (rnit einem Zollhäuschen in der Mitte) war, an den noch heute diealte Poststraße erinnert, die durchs Rußloch hoch über den Höhenrücken nach Wissen führte. Zwei Lokale an der Straße nahmen die auswärtigen Gäste auf, es waren die Hotels Zur Traube (Strüder/Macario) und Zum Bahnhof (Jakob Harr/Heikaus), wo am 1. Januar 1889 ein großer Saal eröffnet wurde, der von da an auch die Kirchener Turner beherbergte. In beiden Gastwirtschaften versammelte sich allabendlich eine fröhliche Tafelrunde mit langen Pfeifen und in Pantoffeln. Es wird berichtet, daß sich die manchmal schwer angeschlagenen .Honoratioren für einige Markstücke in die Vereinskasse von zwei rüstigen Sanitätern auf der Tragbahre nach Hause bringen ließen.

Später nahm die Reichsbanknebenstelle wie das Büro der Gewerkschaft Storch & Schöneberg ihren Platz in dieser Straße ein. Auf der gegenüberliegenden Stelle hatte die Reichsbahn für die Fabriken und Bergwerke ringsum achtzehn Kohlen- und Erzplätze abgeteilt. Vom Weißenstein und Giebelwald, vom Glücksbrunnen und der Wilhelmine fuhren die Pferdekarren heran. Von 1885 an ließ die Lokomotivfabrik Jung ihre Maschinen aus dem Werk in Jungenthal von sechs und mehr Pferden an die Verladerarnpe bringen.

Ganz am Anfang der Straße (unser Bild) stand das ansehnliche Wohnhaus des Bergassesors Walther Siebel (ganz links) mit seinen Stallungen und Remisen und anschließender Parkanlage. Gegenüber das 1840 von Alwine Siebel erbaute Forsthaus, an dem vorbei die Brückenstraße ins Oberdorf hinaufführt, Bleibt noch das Haus des Metzgermeisters Kar! Alexander Bender zu erwähnen, daß im Jahre 1797 erbaut wurde, als der französisch-österreichische Krieg schwer und drohend über den Westerwald ging. Der Eckstein zum Hause des Steuerempfängers Johann Jost Lerner 'ward geleget am 9. Februar des Heils 1801... da durch den Frieden zu Luneville unsere Heimath nassauisch-usingisch geworden.'

47. Allmänlich bereitet sich uns eine liebliche Überraschung vor. Üppige Fluren, wie wir sie längst vermißt, ûberfluthen das ganze Thal und neben uns rieseln tausend kleine Kanälchen in bunten Netz-Stromungen iiber die endlosen Thalmatten, ihre glitzemden.Silberflächen halb unter Smaragdhalmen verborgen - der ganze Thalboden erscheint wie von zitterndem Leben ilberhaucht. ... Die Sieg entspringt in 608 Metern Höhe südlich des Ederkopfes und durchfließt das rechtsrheinische Schiefergebirge in ungefähr ostwestlicher Richtung in einer Lauflänge von 144 Kilometern. Die Wasserführung ist erheblich, da der Fluß durch eines der niederschlagsreichsten Gebiete des westlichen Deutschlands verläuft. Eine Talaue ist überall vorhanden und ihre durchschnittliche Breite beträgt 150 Meter. Oft hat der Fluß jedoch an den Außenseiten der Mäander durch Weiterentwickeln derselben eine Aue geschaffen, die mehr als doppelt so breit ist. Bei Kirchen zeigt die Landschaft infolge ihrer großen Flußdichte und tiefen Zertalung einen äußerst unruhigen Charakter. Von Betzdorf ab, wo der Hellerbach einmündet, verläuft sie in westlicher Richtung. Von kürzeren und längeren Partien geraden Flußlaufes unterbrochen, bleibt der rnäanderhafte Eindruck bis zur Mündung in den Rhein bestehen. Der höchste Wasserstand von Sieg und Asdorf wird allgemein im Januar und Februar registriert. Längere Regenperioden führten oft zu überschwemmungen, wobei von der Asdorf die größte Gefahr ausging.

Unser Bild zeigt den Fluß am Ostabhange des Molzberges, wo bis ins vorige Jahrhundert eine Kobaltgrube betrieben wurde. Hier im Grubenhäuschen Alexander war der Steiger Heinrich Adam David Becher mit seiner Frau Karoline zuhause. Auch sein Sohn Wilhelm. später Küster der evangelischen Pfarrgemeinde, lebte hier.

48. An seinem 52. Geburtstage verschied nach viertägigem Krankenlager in Jungenthal der Kommerzienrat Arnold Jung. War ein Kolkrabe über sein Haus geschwebt, hatte ein Maulwurf nahebei in der Erde gewühlt oder war gar ein Käuzchen im nächtlichen Flug an das Fenster der erleuchteten Krankenstube geflattert und hatte sein 'Kiwitt, kiwitt' (Komm mit, komm mit) gerufen?

Am 8. Januar 1911 wurde im dunklen Gemach das Licht angezündet und die Uhr abgestellt. Die zur Totenwacht vorgesehenen Frauen flüsterten geheimnisvoll, ob der Kranke zuvor von Fischen geträumt habe. Um den Dahingeschiedenen trauern die Gattin, zwei Töchter und ein Schwiegersohn. Eine große Anzahl Würdenträger in Frack und Zylinder, die Kirchener Vereine und die Arbeiter der Lokomotivfabrik, die ihm voll zugetan waren, begleiteten unter Gebeten und sichtlicher Sammlung den Totenwagen zum alten Friedhof.

Hier liegen unter den Symbolen des Todes und der Auferstehung (das Stundenglas mit den Flügeln, der aufwärtsstrebende Schmetterling, die dem Himmel entgegenjubilierende Lerche, der Engel mit dem Mohnbüschel als Sinnbild des Schlafes, das Rad der Zeit und die verlöschende Fackel) Kirchens bedeutendste Familien begraben. Am einfachen Totenmahl, das in einem Gasthofe oder dem Sterbehaus bei Kaffee, Streusel- und Mandelkuchen eingenommen wird, nehmen im allgemeinen nur die nächste Verwandtschaft, die Nachbarn und vor allem die Totengräber teil.

Arnold Jung, 1859 geboren, studierte in Aachen Berg- und Hüttenwesen und kehrte 1885 nach Kirchen zurück, wo er mit seinem Freunde Steimer die Lokomotivfabrik im Jungenthal gründete. Trotz seiner Arbeitslast aber fand er noch Zeit, an anderen industriellen Geschäften mitzuwirken und stellte als energischer Verfechter öffentlicher Interessen seine reichen Erfahrungen mit seltener Hingabe in den Dienst dieser Unternehmungen. Langjähriges Mitglied der Handelskammer zu Koblenz, Kreisdeputierter und Mitglied des Provinzialvorstandes der Nationalliberalen Partei, hat er sich stets als begeisterter Freund des Vaterlandes erwiesen.

49. An einern schönen Herbstmorgen plaudern unter den Ahornbäurnen, wo Linden- und Bahnhofstraße sich gabeln, die jungen Mädchen über den noch wohlbekannten Metzgerrneister Louis Spornhauer, der während des Ersten Weltkrieges als Oberwachtmeister vorübergehend bei einer Einheit in Oldenburg stand. Eines Tages herrschte der nervöse Hochbetrieb, wie er bei Besichtigungen üblich war. Der General ist eingetroffen und schreitet die Fronten ab, Plötzlich bleibt er stehen, klopft dem Oberwachtmeister auf die Schulter und meint: 'Mein lieber Spornhauer! Mej lewer Jong! Heut Oowend träfen mir os em Offizierskasino em Ratskeller!' Maßloses Erstaunen bei Offizieren und Kameraden. Zwei Kirchener hatten sich gefunden. Der General war Albert Cramer, der den alten Kirchenern noch gut bekannte Sohn des Kaufmann Eduard Cramer und der Juliana Dorothea Stein. Als der Louis arn Abend, das Offizierskasino betretend, seinen direkten Vorgesetzten, einen Major, und die vielen, glanzenden Uniformen sieht, da sinkt sein Mut und er macht Anstalten, das Feld zu räumen. Da aber hatte ihn der General erblickt und die Situation erkennend sagte er zu ihm: 'Ech hatte Dir doch gesaat, datt mir os zusaamen eenen trenken wollten!' UVd die Bedenken des Wachtrneisters zerstreute er mit den Worten: 'Nee Mensch, dat gefft et net, gekneffen wird net, die säin jo doch net mier wie mir zwien och!'

Es kann noch verraten werden, daß sich der Umtrunk bis gegen Morgen hinzog, Spornhauer war der einzige, der arn nächsten Tag pünktlich zum Dienst erschien und der später ein guter Jagdgefährte seines Majors wurde.

45. Auf dem Land war noch im Jahre 1776 jede Krämerei streng verboten, erst später erhielten einzelne Kirchspieldörfer - auch Kirchen - die Erlaubnis, für den Landmann dringend notwendige Dinge feilzuhalten. Kleidungsstücke und Schuhwaren durften jedoch nur von den Zunftgenossen angeboten und verkauft werden. Nach den Freiheitskriegen wurde das Verbot aufgehoben. Die ersten Geschäfte und bescheidenen Ladehen öffneten ihre Türen,

Der Vater von Peter-Jungs Wilhelm betrieb im heute Ermert'schen Haus eine Wirtschaft mit Bäckerei. Der Großvater vorn Schlosser Lackner hing ein Schild an das Haustor 'perpetuum mobile'. Was das heißen sollte, das wußte er nicht, und nur die beiden geistlichen Herren im Dorf übersetzten die Worte mit einern feinen Lächeln, Der alte Cramer eröffnete eine Kolonial- und Spezereihand1ung. Wenn man das Bier bis dahin von der Neuwieder Brüdergemeinde in sogenannten 'Änkerchen' bezogen hatte, so braute man bald auch in Kirchen in zwei Häusern. Im Jahre 1858 errichteten Cronraths auf dern Buchenhof eine Brauerei, und Eckebenders (später Balz am Kirchplatz) machten sogar ein Hotel auf, Den Feierabend genossen die Dorfleute bei Engel Strüders, bei Morgenschweis oder im heutigen Jägerheim, das man damals der streitbaren Tochter wegen 'Zurn roosigen Bersen' nannte.

Unser Bild zeigt den Laden des Eeinkosthauses Gustav Haubrich in der Bahnhofstraße.

46. Die Bahnhofstraße hat einst ruhigere Tage gesehen, als sie noch der Postweg (rnit einem Zollhäuschen in der Mitte) war, an den noch heute diealte Poststraße erinnert, die durchs Rußloch hoch über den Höhenrücken nach Wissen führte. Zwei Lokale an der Straße nahmen die auswärtigen Gäste auf, es waren die Hotels Zur Traube (Strüder/Macario) und Zum Bahnhof (Jakob Harr/Heikaus), wo am 1. Januar 1889 ein großer Saal eröffnet wurde, der von da an auch die Kirchener Turner beherbergte. In beiden Gastwirtschaften versammelte sich allabendlich eine fröhliche Tafelrunde mit langen Pfeifen und in Pantoffeln. Es wird berichtet, daß sich die manchmal schwer angeschlagenen .Honoratioren für einige Markstücke in die Vereinskasse von zwei rüstigen Sanitätern auf der Tragbahre nach Hause bringen ließen.

Später nahm die Reichsbanknebenstelle wie das Büro der Gewerkschaft Storch & Schöneberg ihren Platz in dieser Straße ein. Auf der gegenüberliegenden Stelle hatte die Reichsbahn für die Fabriken und Bergwerke ringsum achtzehn Kohlen- und Erzplätze abgeteilt. Vom Weißenstein und Giebelwald, vom Glücksbrunnen und der Wilhelmine fuhren die Pferdekarren heran. Von 1885 an ließ die Lokomotivfabrik Jung ihre Maschinen aus dem Werk in Jungenthal von sechs und mehr Pferden an die Verladerarnpe bringen.

Ganz am Anfang der Straße (unser Bild) stand das ansehnliche Wohnhaus des Bergassesors Walther Siebel (ganz links) mit seinen Stallungen und Remisen und anschließender Parkanlage. Gegenüber das 1840 von Alwine Siebel erbaute Forsthaus, an dem vorbei die Brückenstraße ins Oberdorf hinaufführt, Bleibt noch das Haus des Metzgermeisters Kar! Alexander Bender zu erwähnen, daß im Jahre 1797 erbaut wurde, als der französisch-österreichische Krieg schwer und drohend über den Westerwald ging. Der Eckstein zum Hause des Steuerempfängers Johann Jost Lerner 'ward geleget am 9. Februar des Heils 1801... da durch den Frieden zu Luneville unsere Heimath nassauisch-usingisch geworden.'

47. Allmänlich bereitet sich uns eine liebliche Überraschung vor. Üppige Fluren, wie wir sie längst vermißt, ûberfluthen das ganze Thal und neben uns rieseln tausend kleine Kanälchen in bunten Netz-Stromungen iiber die endlosen Thalmatten, ihre glitzemden.Silberflächen halb unter Smaragdhalmen verborgen - der ganze Thalboden erscheint wie von zitterndem Leben ilberhaucht. ... Die Sieg entspringt in 608 Metern Höhe südlich des Ederkopfes und durchfließt das rechtsrheinische Schiefergebirge in ungefähr ostwestlicher Richtung in einer Lauflänge von 144 Kilometern. Die Wasserführung ist erheblich, da der Fluß durch eines der niederschlagsreichsten Gebiete des westlichen Deutschlands verläuft. Eine Talaue ist überall vorhanden und ihre durchschnittliche Breite beträgt 150 Meter. Oft hat der Fluß jedoch an den Außenseiten der Mäander durch Weiterentwickeln derselben eine Aue geschaffen, die mehr als doppelt so breit ist. Bei Kirchen zeigt die Landschaft infolge ihrer großen Flußdichte und tiefen Zertalung einen äußerst unruhigen Charakter. Von Betzdorf ab, wo der Hellerbach einmündet, verläuft sie in westlicher Richtung. Von kürzeren und längeren Partien geraden Flußlaufes unterbrochen, bleibt der rnäanderhafte Eindruck bis zur Mündung in den Rhein bestehen. Der höchste Wasserstand von Sieg und Asdorf wird allgemein im Januar und Februar registriert. Längere Regenperioden führten oft zu überschwemmungen, wobei von der Asdorf die größte Gefahr ausging.

Unser Bild zeigt den Fluß am Ostabhange des Molzberges, wo bis ins vorige Jahrhundert eine Kobaltgrube betrieben wurde. Hier im Grubenhäuschen Alexander war der Steiger Heinrich Adam David Becher mit seiner Frau Karoline zuhause. Auch sein Sohn Wilhelm. später Küster der evangelischen Pfarrgemeinde, lebte hier.

48. An seinem 52. Geburtstage verschied nach viertägigem Krankenlager in Jungenthal der Kommerzienrat Arnold Jung. War ein Kolkrabe über sein Haus geschwebt, hatte ein Maulwurf nahebei in der Erde gewühlt oder war gar ein Käuzchen im nächtlichen Flug an das Fenster der erleuchteten Krankenstube geflattert und hatte sein 'Kiwitt, kiwitt' (Komm mit, komm mit) gerufen?

Am 8. Januar 1911 wurde im dunklen Gemach das Licht angezündet und die Uhr abgestellt. Die zur Totenwacht vorgesehenen Frauen flüsterten geheimnisvoll, ob der Kranke zuvor von Fischen geträumt habe. Um den Dahingeschiedenen trauern die Gattin, zwei Töchter und ein Schwiegersohn. Eine große Anzahl Würdenträger in Frack und Zylinder, die Kirchener Vereine und die Arbeiter der Lokomotivfabrik, die ihm voll zugetan waren, begleiteten unter Gebeten und sichtlicher Sammlung den Totenwagen zum alten Friedhof.

Hier liegen unter den Symbolen des Todes und der Auferstehung (das Stundenglas mit den Flügeln, der aufwärtsstrebende Schmetterling, die dem Himmel entgegenjubilierende Lerche, der Engel mit dem Mohnbüschel als Sinnbild des Schlafes, das Rad der Zeit und die verlöschende Fackel) Kirchens bedeutendste Familien begraben. Am einfachen Totenmahl, das in einem Gasthofe oder dem Sterbehaus bei Kaffee, Streusel- und Mandelkuchen eingenommen wird, nehmen im allgemeinen nur die nächste Verwandtschaft, die Nachbarn und vor allem die Totengräber teil.

Arnold Jung, 1859 geboren, studierte in Aachen Berg- und Hüttenwesen und kehrte 1885 nach Kirchen zurück, wo er mit seinem Freunde Steimer die Lokomotivfabrik im Jungenthal gründete. Trotz seiner Arbeitslast aber fand er noch Zeit, an anderen industriellen Geschäften mitzuwirken und stellte als energischer Verfechter öffentlicher Interessen seine reichen Erfahrungen mit seltener Hingabe in den Dienst dieser Unternehmungen. Langjähriges Mitglied der Handelskammer zu Koblenz, Kreisdeputierter und Mitglied des Provinzialvorstandes der Nationalliberalen Partei, hat er sich stets als begeisterter Freund des Vaterlandes erwiesen.

49. An einern schönen Herbstmorgen plaudern unter den Ahornbäurnen, wo Linden- und Bahnhofstraße sich gabeln, die jungen Mädchen über den noch wohlbekannten Metzgerrneister Louis Spornhauer, der während des Ersten Weltkrieges als Oberwachtmeister vorübergehend bei einer Einheit in Oldenburg stand. Eines Tages herrschte der nervöse Hochbetrieb, wie er bei Besichtigungen üblich war. Der General ist eingetroffen und schreitet die Fronten ab, Plötzlich bleibt er stehen, klopft dem Oberwachtmeister auf die Schulter und meint: 'Mein lieber Spornhauer! Mej lewer Jong! Heut Oowend träfen mir os em Offizierskasino em Ratskeller!' Maßloses Erstaunen bei Offizieren und Kameraden. Zwei Kirchener hatten sich gefunden. Der General war Albert Cramer, der den alten Kirchenern noch gut bekannte Sohn des Kaufmann Eduard Cramer und der Juliana Dorothea Stein. Als der Louis arn Abend, das Offizierskasino betretend, seinen direkten Vorgesetzten, einen Major, und die vielen, glanzenden Uniformen sieht, da sinkt sein Mut und er macht Anstalten, das Feld zu räumen. Da aber hatte ihn der General erblickt und die Situation erkennend sagte er zu ihm: 'Ech hatte Dir doch gesaat, datt mir os zusaamen eenen trenken wollten!' UVd die Bedenken des Wachtrneisters zerstreute er mit den Worten: 'Nee Mensch, dat gefft et net, gekneffen wird net, die säin jo doch net mier wie mir zwien och!'

Es kann noch verraten werden, daß sich der Umtrunk bis gegen Morgen hinzog, Spornhauer war der einzige, der arn nächsten Tag pünktlich zum Dienst erschien und der später ein guter Jagdgefährte seines Majors wurde.

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