Losheim in alten Ansichten

Losheim in alten Ansichten

Auteur
:   Vincent Marx
Gemeente
:   Losheim
Provincie
:   Saarland
Land
:   Deutschland
ISBN13
:   978-90-288-4570-1
Pagina's
:   88
Prijs
:   EUR 16.95 Incl BTW *

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Fragmenten uit het boek 'Losheim in alten Ansichten'

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nicht, darurn öffnete der Arzt das Fenster. Nun drehte er mir den Rücken zu, um in der anderen Ecke des Zimmers die Spritze zu holen. Das war der geeignete Moment meiner Flucht durchs Fenster. Ein Sprung, und ich war draußen, wo ich mich blitzschnell unter der Haustreppe verbarg.

Nun ging das Suchen los. Zuerst kam meine Mutter aufgeregt aus dem Hause und rief nach mir. Nichts rührte sich. Der Arzt mit der Spritze kam hinterher. Meine Angehörigen und dazu die Nachbarn beteiligten sich an der Suche. Inzwischen wurde es spät und dunkel. Über meinem Kopf hörte ich den Arzt schimpfen: 'Nein, so was ist mir in meinem Leben noch nicht passiert.' Allmählich wurde es mir unbequem und kalt. Ich schlich durch unseren Hof in die warme Küche. Alle atmeten auf und waren froh, daß ich wieder da war. Nur meinem Vater war es doch zu viel, er schickte mich zur Strafe ohne Essen ins Bett. Vor Aufregung und Müdigkeit schlief ich ein. Am anderen Morgen fing das alte Leiden wieder an. Nach dem Vorgefallenen konnte ich auf weiteres Mitgefühl der Angehörigen nicht mehr rechnen. Inzwischen kam Freund Edmund, er war begeistert von Lieschens Plan mit dem Faden. Ich setzte mich auf einen Stuhl, Edmund band den Zwirnfaden an den faulen Zahn, und Lieschen befestigte das andere Ende am Türgriff. Großmutter hielt mich am Stuhl fest, und ehe ich mich versah, schlug das Hausmädchen die Tür zu. Durch den Krach kam mein Vater herein um zu sehen, was los war. Triumphierend hielt Lieschen ihm am Faden den Zahn entgegen. Es war endlich gelungen.

'Die ... Frippcher'

Im August 1917, während des Weltkrieges, schickte meine Mutter mich nach Wahlen zu einem Bauern in der Nähe der Kirche, um zwei Dutzend Eier abzuholen. Sie waren zu der damaligen Zeit kostbar und rar. Mein Freund und Nachbar Edmund ging mit. Wir beide waren gleichaltrig und steekten immer zusammen. Großmutter gab uns ein Deckelkörbchen, gute Ermahnungen, bezweifelte aber ein bißchen, ob alles gut gehen würde.

Frisch und fröhlich wie Max und Moritz zogen wir los. Kurz vor dem Ende des Ortes, am Bahngleis, trafen wir zwei

Jungen in unserem Alter auf dern Weg nach Losheim. Wir frotzelten uns gegenseitig an und betitelten sie als 'Wahlener Frippcher'. Und schon ging die Keilerei los. Durch diese kurze Unterbrechung aufgehalten, gingen wir über die sieben Hügel nach Wahlen. Hier fanden wir leicht das gesuchte Bauernhaus und bekamen unsere kostbaren Eier. Auf dem Heimweg, ausgangs Wahlen, begegneten uns die beiden Jungen wieder, mit denen wir in Streit geraten waren. Sie alarmierten flugs ihre kleinen Freunde, und wir wurden schnell von unserem Heimweg abgeschnitten, Die Lage wurde bedrohlich, wir kehrten um und liefen über Wiesen und Hügel in Richtung Dellborner Mühle. An dieser Verfolgung nahmen immer mehr Kinder teil. Mit Stöcken und Flüchen war die Wahlener Jugend hinter uns her. Mein Freund Edrnund lief so schnell er konnte auf den Wald bei der Mühle zu, während ich mich in einem der vielen Kornkästen verkroch. Mein Körbchen mit den Eiern hatte ich weggeworfen. Von Edmund sah ich nichts mehr. Die Meute hatte uns kurz aus den Augen verloren, und die meisten Jungen rannten dem Walde zu. Ich saß im Kornkasten und wartete ab, In der Nähe zogen noch einige unserer Verfolger an den Kornkästen vorbei, und ich hörte, wie einer den anderen fragte: 'Sind das Rauber, die wir suchen?' 'Nein, viel schlimmer, es sind Losheimer Frippcher.' Allmählich wurde es ruhiger auf dem Feld. Ich steckte den Kopf aus den Ahren und sah die Kinder triumphierend mit unserem Körbchen auf der Stange heimwarts ziehen. Als es dunkel wurde, lief ich über den in der Nähe liegenden Bahndamm nach Hause. In der Stube wartete Edrnund auf mich. Auch er hatte den Sturm gut überstanden. Da saßen wir nun, müde und abgespannt. Eier gab's keine. Großmutter stand vor uns und sagte nur: 'Euch nach Wahlen schicken, ich hab's geahnt...'

Die Gratulation

Kurz vor dem ersten Weltkrieg feierte ein Nachbarkind die erste heilige Kommunion. Von meinen Eltern wurde ich ausersehen, diesem Kind mit einer großen Tafel Schokolade zu gratulieren. Bemerkt sei hierzu, daß damals Schokolade nicht so reichlich vorhanden war wie heute. Meine Groß-

mutter verpackte die Schokolade in schönem bunten Papier, legte noch ein Heiligenbildehen bei und band das Ganze mit einer breiten Schnur. Wie Schmetterlingsflügel prangte das Schleifchen auf dem Päckchen. Meine Mutter kontrollierte meine Kleidung, besonders den damals üblichen breiten Matrosenkragen. Die Fingernägel wurden gestutzt, die Hände gewaschen und vor versammelter Familie wiederholte ich mein eingepauktes Sprüchlein. Meinem Vater wurde es schon zuviel: 'Was macht ihr ein Theater', war sein Kommentar. Meine gute Großmutter konterte: 'Das gehört sich so.' Endlich war es soweit, und mit guten Wünschen wurde ich losgeschickt. Schräg über der Straße war mein Ziel. Trotz der Nähe lief ich, was die Beine hergaben. Vor dem Nachbarhaus standen damals einige Bäume, die mit frischen ringförmigen Gräben umzogen waren. Kurz vor der Haustür ist es dann passiert. Ich stürzte über einen Graben und war übel zugerichtet. Die Schokolade zerbrach in viele Teile, und nur ein kleines Stückchen war noch mit dem Schleifchen verbunden geblieben. Alle Vorfreude war dahin. Wohloder übel mußte ich ja den Rest des Geschenkes dem Kommunionkind aushändigen. Mit feuchten Augen stand ich am Ziel. Kaum fähig ein Wort zu sagen. Mein Außeres zerschunden und noch verschmutzt mein schöner Anzug mit dem Matrosenkragen. In dieser peinlichen Situation fand die Hausfrau die passenden Worte: "Macht nichts, macht nichts, die Hauptsache ist der gute Wille."

Der große Krach zwischen Wadern und Losheim

Es ist schon lange her: im Jahre 1928 fuhr der Motorradklub auf Brautschau nach Wadern. In einer Wirtschaft gegenüber dem alten Amtsgericht kehrten wir ein. 'Dreimädelhaus' nannte man das Lokal, und wir wurden zu unserem Erstaunen recht freundlich bewirtet. Nach einigen Minuten fragten wir den Wirt, einen älteren Mann, wie es komme, daß die Losheimer so gar keinen rechten Kontakt mit Wadern bekämen. Daraufhin erzählte der Wirt den tiefen Grund der Reserviertheit der Waderner: "Vor fünfzig Jahren war in Losheim ein großes Sängerfest im Saale Weyand. Der erste Preis in Sängerwettstreit wurde von der Jury den Waderner

Sängern zuerkannt. Das war richtig, aber es löste einen unbeschreiblichen Tumult aus. Mit Stühlen und Stöcken ging man aufeinander los, und die Waderner Sänger verließen mit ihrem Pferdegespann fluchtartig den Ort. Die Folge war jahrzehntelange Abneigung. 'Nun ja', sagte dieser gute alte Mann, 'allmählich haben wir diese harte Auseinandersetzung verziehen und vergessen.' Bedrückt und etwas beschärnt über diesen Vorfall unserer Großväter fuhren wir nach Hause.

Zwei Jahre später ereignete sich ein neuer Zwischenfall. Der begann so. Im September 1930 war in Wadern eine große Ausstellung. Der damalige Bürgerrneister Müller war die Seele des ganzen Unternehmens. Auf dieser Ausstellung waren Losheimer Handwerker besonders stark vertreten und erhielten auch namhafte Preise. Aus dem ganzen Kreis waren schöne dekorierte Festwagen vorgefahren. Auf dem alten Marktplatz, an der Ecke vom Café Molter, stand ein Rundfunkwagen, auf dem ein Mikrofon aufgebaut war. Der Rundfunkreporter bat kurz dem Aufmarsch des Festzuges die Umstehenden, ein Waderner möge heraufkommen und über den Festzug ins Mikrofon sprechen. Ein junger Mann bestieg das Podium und schilderte die einzelnen Festwagen,

Alles ging gut, bis der Losheimer Wagen an die Reihe kam. Ich selbst stand eingeklemmt dicht am Funkwagen. und hörte die abfälligen Bemerkungen wie 'Ach das sind Zigeuner' und so ähnlich. Diese unschönen und abfälligen Bemerkungen wurden auch an den Radios in Losheim gehört. Der Sturm der Entrüstung nahm seinen Lauf. Von Losheim telefonierten die Angehörigen der Aussteller: 'Sofort alles einpacken!' In der Ausstellungshalle waren bereits einige Handwerker am Abbauen. Die Empörung über diesen Vorfall wuchs lawinenhaft an. Landrat Graf von Spee und der Bürgermeister Müller bemühten sich sehr, die Gemüter zu beruhigen. Nach langem Suchen fand man endlich den Übeltäter. Vor versammelten Ausstellern mußte der junge Mann Abbitte leisten und vom Landrat eine schallende Ohrfeige einstecken.

Kurz und gut, die Lage wurde entspannt, und die Ausstellung nahm einen guten Verlauf. Nach siebenundvierzig Jahren ist Gras darüber gewachsen, und nichts trübt mehr die guten Beziehungen zwischen den beiden Marktflecken.

Die Zollkontrolle

Vor fünfzig Jahren verlief ein Teil der Saargebietsgrenze zwischen Bachern und Losheim. Die französische Zollkontrolle war in Bachern, Der Schmuggel blühte wie nie zuvor. Entsprechend streng wurde beiderseits revidiert. Eines Tages mußten wir (einige Jungen) uns im Bahnhofsraum Bachem bis aufs Hemd ausziehen. Ich muß allerdings sagen, daß wir die Zöllner vorher mit Grimassen geärgert hatten. Die Eisenbahner drängten auf Eile, um den Anschluß in Merzig Hauptbahnhof zu erreichen. Halb angezogen und unter dem Gelächter der übrigen Fahrgäste stürzten wir in unser Abteil zurück, Hier bruteten wir auf Rache.

Am anderen Morgen, gleich nach der Abfahrt in Losheim, fingen wir an uns auszuziehen. Eine dicke Frau entrüstet.e sich darüber und wollte wissen: "Warum macht ihr euch denn nackig?' 'Damit es am Zoll schneller geht' ~ so die Ant.wort.. In Bachem angekommen, standen wir im Hemd, woraufhin einige Mädchen aus dem Abt.eil flüchteten. Die dicke machte fürchtcrlichen Palaver. Als die Zöllner uns sahen, schüttelte der eine den Kopf und murmelte: 'Verüüückt, verüüückt.' Eine Kontrolle fand in unserem Abteil nicht mehr statt, und der Zug fuhr weiter. Die Diekmadam drehte sich urn, hob ihren Rock hoch und befreite zwei ansehnliche Rollschinken aus ihrem diskreten Versteek,

Der Handel

In meiner Jugend war die Auswahl an Spielobjekten sehr gering. Das Spiel mit Klickern oder mit Glas- und Bleikugeln war schon das höchste der Gefühle, Eines Abends, kurz vor Beginn der Andacht, trieben wir Sechsjährigen an der Kommunionbank einen schwunghaften Handel mit den begehrten Kügelchen, Hier war die Jugend vom Dorf versammelt. Tausch und Handel hatten uns vergessen lassen, wo wir uns befanden. Allmählich wurden wir immer lebhafter und schließlich aufgefordert, Ruhe zu bewahren. Wir waren aber schon nicht mehr zu bremsen. Plötzlich prasselte eine Serie von Ohrfeigen in der Kommunionbank auf uns hernieder. 'Ich werde euch helfen, hier Handel zu treiben', donnerte uns

Pastor Esch an. Im Moment glaubten wir, der Herrgott persönlich sei erschienen, Blitzartig knieten wir von da an nieder, ließen die Kügelchen fallen und falteten die Hände, wie es sich gehörte. Bis zum Schluß der Andacht rührten wir uns nicht mehr. Die Situation war peinlich, und der Verlust der Kugeln schmerzlich. Nach Schluß des Gottesdienstes warteten wir vor der Kirche, um im geeigneten Moment zurückzugehen und das Verlorene einzusammeln. Da stand plötzlich der gestrenge Küster Kläß vor uns und schimpfte: 'Ihr ungezielte Lausjungen.' Nun war es ganz aus, und wir verzogen uns nach Hause. Einige Tage später kam Freund Edmund und bat mich, mit ihm zu kommen, um seinen Onkel 'Bischof' zu begrüßen. In Wirklichkeit war der Onkel der Bruder seiner Mutter, der Abt von Himmerod, den Edmund 'Bischof" nannte, weil er sich unter einem Abt nichts vorstellen konnte.

Ich ging zögernd mit. Der Onkel Bischof begrüßte uns in der Wohnung sehr freundlich und schenkte uns einige Münzen. Als er mein volles 'Klickersäckchen' in der Hand erblickte, meinte der hohe Herr freundlich: 'Damit könnt ihr ja Handel treiben.' 'Alles, nur das nicht', war unsere hastige Antwort.

Kleinbahngeschichten

Als im Sommer 1903 die erste Lokomotive von Merzig kommend den Bahnhof Losheim erreichte, war dieses Ereignis für viele Menschen eine Sensation. So stand auch eine Oma mit ihrem Enkel staunend vor dem pustenden 'feurigen Elias', Siekonnte gar nicht. lange genug dieses Unget.üm der Technik bewundern. Allmählich wurde es dem kleinen Enkel aber zuviel. Er bat. seine Oma, wieder nach Hause zu gehen. 'Nein, nein', sagt.e die, 'wir bleiben noch.' Der Kleine drängte immer mehr und fragte: 'Oma, wie lange noch? ' 'Ei', sagte die alte Frau, 'ich will doch mal sehen, wie dat ellen Dier de Kiehr hält.'

Im Jahre 1910 wurden an den Toiletten im Losheimer Bahnhof einige Änderungen vorgenommen - sie führten zu Schwierigkeit.en. In den Tagen, es war gegen Abend, kam ein

Mann gelaufen und bat den Bahnhofsvorsteher, die Abfahrt des Zuges noch um einige Augenblicke zu verzögern, da seine Frau ... 'Nein', sagte der Vorsteher, 'wir fahren sofort ab, der Zug hat schon zwei Minuten Verspätung.' Der Vorsteher pfiff, doch der Zug fuhr nicht, obwohl er dampfte und zischte. Auch nach abermaligem Pfeifen - keine Reaktion. Nach dem dritten Pfiff lief der Vorsteher zum Lokführer und schrie ihn an: 'Warum fahren Sie denn nicht, ich habe schon dreimal gepfiffen.' 'Herr Vorsteher, wir können nicht, es sitzt ein Framinsch vor der Lokomotive.'

Im September 1924 fuhr anläßlich der landwirtschaftlichen Ausstellung in Merzig auch der Kunstschlossermeister Nikolaus Thielen, genannt Jippchen, aus Losheim mit der Kleinbahn nach Merzig. Jippchen befand sich zuerst in dem überfüllten Abteil dritter Klasse. Während der Fahrt wechselte er in die Il, Klasse. Damals benutzten nur wenige Wohlhabende diese auserlesene Klasse. Jippchen wagte den Schritt in eine feinere Welt. Hier saß nur eine ältere Dame mit zwei Dackeln. Jippchen grüßte, wie es sich gehörte, aber ohne Resonanz. Still und ruhig setzte sich der einfache Fahrgast in eine Ecke. Die feine Dame schaute ständig zum Fenster hinraus. Auch den beiden Hunden schien irgend etwas nicht zu behagen, sie fletschten mit den Zähnen.

Allmählich fing der Fahrgast an, die Augen zu rollen. Nun bekamen die Dackel es mit der Angst zu tun und flüchteten unter den schützenden Rock ihrer Herrin. Von hier aus zeigten sie mehr Mut und fingen an zu bellen. Nun legte Jippchen eine stärkere Platte auf und begann fürchterlich zu niesen.

Endlich rührte sich die Dame und sagte: 'Mein Herr, ist Ihnen bewußt, in welchem Abteil Sie sich befinden?' Jippchen sprang auf, zog den Hut, machte eine leichte Verbeugung und antwortete: 'Jawohl, meine Gnädigste, im Sonderabteil für bissige Hunde.'

Der Spitzname

Das ist ein Name, der einer Person nach einer geistigen oder körperlichen Eigentümlichkeit, einer auffälligen Gepflogen-

heit oder infolge eines anekdotischen Vorganges erteilt wird. Er kann vererbt werden auf Generationen. Viele Familiennamen sind aus Spitznamen hervorgegangen. Besonders in den Dörfern sind sie eine gute Stütze auf der Suche nach bestimmten Familien. Wir finden sie bis in die höchsten Regierungsspitzen. Einen Spitznamen aus der Welt zu schaffen ist genauso schwer wie ein Kamel durchs Nadelöhr zu bringen.

Wie leicht Spitznamen entstehen können, zeigen folgende Vorfälle. Ein junger Ehemann sitzt beim Friseur und wird gefragt wie es denn in der Ehe sei. 'So lepsch', war die Antwort. Das war vor vierzig Jahren. Heute nennt man ihn und seine Nachkommen noch immer den 'Lepsch". Auch ein guter Fußballspieler bekam vor fünfzig Jahren den Namen 'Solo', und der ist bis heute so geblieben.

Es kommt oft vor, daß der Spitzname bekannt ist, aber nicht der Familienname - und das kann zu heilden Situationen führen, wie folgende Geschichte zeigt: Edmund und ich fuhren mit einem reparaturbedürftigen Fahrrad zum Schlosser. In dem Hausgang fragte ich: 'Herr Jippchen, unser Rad ist de .. .', weiter kam ich nicht. Es folgte eine Schimpfkanonade mir bis dahin unbekannten Ausmaßes. Der Mann ließ kein gutes Haar an mir, Ich war wie erschlagen. Da kam die Frau auf uns zu und fragte: 'Was habt ihr Jungen denn zu unserem Vater gesagt?' 'Jippchen, sonst nichts.' 'Urn Himmelswillen, sowas durftet ihr nicht sagen. Ihr müßt ihn mit 'Herr Schlossermeister Thielen' anreden.' 'Das haben wir nicht gewußt', entgegneten wir. Edmund erholte sich eher von dem Schreck und sagte in höflicher Form: 'Herr Schlossermeister Thielen, sind Sie so gutund flicken bitte unser Fahrrad? ' Er nahm Edmund und Fahrrad mit zur Werkstatt und brachte das Rad in Ordnung. Hier fragte er Edmund, wie sein Vater heiße. 'Becker-Krapp', war die Antwort. 'Ja, das sind ordentliche Leute, und du bist ein gut erzogener Junge, Bring deinem Freund mal bei, wie man die Leute anständig anredet.' 'Ja, das mache ich - und auch bei meinem Papa, der sagt nämlich auch immer 'Jippchen'.'

Das Gerücht

Am 1. August vor sechzig Jahren brach der Erste Weltkrieg aus - ein Ereignis von ungeheurer Tragweitc. Die Wehrpflichtigen fuhren morgens früh zu den Kasernen, zurück blieben ältere Männer, Frauen und Kinder. Die Spitzen der deutschen Aufmarschtruppen hatten den Kreis Merzig noch nicht erreicht. Es war sehr heiß. Angst und Sorge hatte die Bevölkerung befallen. Es war kein Wunder, daß die tollsten Gerüchte urngingen und für manche sogar gefährlich wurden, wie nachstehender Vorfall zeigt.

Am 3. August 1914 erzählte man in Losheim russische Spione seien mit Auto, Gold und Dokumenten nach Frankreich unterwegs, um noch vor Schließung der Grenze zu entkommen. Plötzlich hieß es, die Spione seien im Kreis Merzig angekommen. Der Gendarm Bever und der Polizist Röder spannten mitten im Ort schwere Seile über die Strafsenkreuzung. Mein Freund Edmund und ich halfen dabei. Zusätzlich schleppten wir noch einen Leiterwagen als Hindernis vor das Seil. Außerdem versorgten wir uns noch mit starken Knüppeln. Wir zehnjährige Knirpse waren glücklich uns für das liebe Vaterland nützlich machen zu dürfen. Ein größerer Junge aus Erig kam keuchend mit der Nachricht: 'Wir haben die Spione, Herr Wachtmeister, können wir draufschlagen? ' 'Wo habt ihr sie?' 'Beim Kappenpittchen', war die Antwort. Der Gendarm eilte nach Erig, und wir hinterher. Vor der Bäckerei stand ein Auto mit vier verschüchterten Insassen. Auf den Trittbrettern und um das Auto hielt sich eine Meute auf, bewaffnet mit Mistgabeln, Sensen, Dreschflegeln und anderen bäuerlichen Geräten. Bei diesem Anblick wurde uns Jungen ganz mulmig. Mein Gott, wie war das aufregend. Der Gendarm verlangte im barsehen Ton die Pässe der Autoinsassen. Aus der Gruppe riefen einige: 'Alles Schwindel, am besten wir schlagen drauf.' 'Nein, nein, nicht schlagen', wehrte der Gendarm die aufgeregte Menge ab, 'Wir fahren zur Dorfmitte' , und hier kontrollierte nochmals der baumlange Polizist Röder.

Inzwischen kam ein Angestellter vom Bürgermeister gelaufen und überbrachte dem Polizist eine Meldung. Auf der Stelle trat ein Umschwung ein. Nun glaubte man den vier Insassen.

Es waren hohe Regierungsbeamte aus Trier, die über Hermeskeil, Wadern in wichtiger Mission nach Merzig unterwegs waren. Nun bat der Gendarm Bever die Bevölkerung, die Straße freizumachen, damit die Regierungsbeamten unbehindert weiterfahren konnten. Das Auto wurde angekurbelt, rührte sich aber nicht von der Stelle. In den Speichen der Räder steekten unsere Knüppel, die zuerst entfernt werden mußten. Zum Dank für unsere übertriebene Vorsorge mußten Edmund und ich vom Gendarm eine Ohrfeige einstecken. In unserer Vaterlandsliebe enttäuscht trotteten wir nach Hause.

Kättchen war schuld

Annodazumal mußten die Kinder bei der Geburtsanmeldung auf dem Standesamt ausgepackt und vorgezeigt werden. So ereignete sich folgendes. Ein stolzer Vater aus Scheiden mcldete seinen Sprößling auf dem Amt in Losheim an. Bei dieser Gelegenheit wurde das Ereignis mit Verwandten und Freunden gleich begossen und gefeiert. Als man dann spät abends 'selig' zu Hause ankam, stellte man fest, das Kind fehlte. Große Bestürzung bei allen Beteiligten, und Ernüchterung. Eiligst fuhren der junge Vater und sein Schwager zurück nach Losheim, um das Kind zu suchen. Der Wirt (Jager) wurde mitten in der Nacht aus dem Bett getrommelt, und vom Fenster aus rief er: 'Was ist denn unten los? ' 'Wir haben doch bei euch gefeiert und wahrscheinlich unser Kind liegen gelassen.' Bei der Suche im Lokal fand man den Säugling auf einer breiten Fensterbank. Strahlend nahm der Vater sein Kind in die Arme. Beim Abschied an der Haustür sagte der Wirt: 'Wie kann man nur ein Kind vergessen? ' Da antworteten die jungen Männer: 'Das ist unser Kättchen schuld, wenn die einen gehoben hat, vergißt sie Land und Leute.'

Der 'verlorene' Sohn

Vor 1900 mußten die Kinder bei der standesamtlichen Anmeldung dem Bürgermeister vorgezeigt werden. Es war seine Pflicht, sich von dem Geschlecht dcrselben zu überzeugen. Anschließend ging es zur Taufe in die Kirche. Danach zog man von Wirtschaft zu Wirtschaft, bis man überall eingekehrt war, war es Nacht. Kein Wunder, daß man kaum noch an den

Säugling dachte. So erging es den Waldhölzbachern. Nachdem sie des Feierns müde waren, zogen sie in der Nacht mit dem Pferdefuhrwerk heimwärts. Auf der Heimfahrt schliefen die Heimkehrer ein. Die Pferde fanden den Weg allein. Auf der Höhe, kurz vor Waldhölzbach wurde das 'Gotchen' wach und schrie: 'Marjuspetter, das Kind ist fort!' Mit einem Schlag waren alle hellwach, und es herrschte große Aufregung. Was blieb anderes übrig, als wieder umzukehren und nach Losheim zurückzufahren. Mit der Laterne in der Hand ging einer voran. Kurz vor dem Losheimer Weiher fand man auf der Straße ein Bündel, es war der "verlorene" Sohn. Damals war es üblich, Kinder fest zu wickeln, so daß Kopf und Ärmchen geschützt waren. Zum Glück, sonst wäre der Säugling bei dem Sturz vom Wagen sicherlich nicht so glimpflich davongekommen.

Zu Hause angekommen, überzeugte man sich gründlich, daß das Kind auch wirklich alles heil überstanden hatte - nur, die Windeln hatte es 'gestrichen voll'.

Weiße Weste

Vor fünfzig Jahren bekamen mein Freund und ich den ersten schwarzen Cut. Dazu gehörte ein weißes Hemd mit Vatermörder - so nannte man die hohen steifen Kragen, in denen man sich schwer bewegen konnte - und Propellerkrawatte. Die Manschetten waren aus feinem, hartgestärkten Leinen und nicht am Hemd festgenäht. Darüber zog man eine weiße Weste mit langer Uhrkette. Armbanduhren waren noch unbekannt. Man trug den Anzug bei festlichen Gelegenheiten. Doch auch damals besaß nicht jeder eine reine weiße Weste. Sie war unser ganz besonderer Stolz. Wie Pinguine sahen wir aus, es war eben die Mode. So fuhren wir eines Tages mit dem Rad (Autos gab es nicht) nach Nunkirchen zu einem Fest im Saale Meyers. Hier war Hochbetrieb, und wir fanden keinen Platz mehr. Notgedrungen hielten wir uns an der Theke auf und tranken uns erstmal Mut an. Edmund holte sich das schönste Mädchen zum Tanz. Hier wechselten wir beide uns ab, ungeachtet der schon vorhandenen Verehrer. Und das sollte uns schlecht bekommen.

Edmund versuchte für die Schöne Pralinen zu kaufen und

verschwand. Er blieb mir aber zu lange fort, und ich suchte nach ihm. Im Hausgang gab es einen Tumult. Plötzlich flog ich die Treppe hinunter. Auf der letzten Stufe angekommen, fand ich mich neben meinem Freund wieder. Wir sahen aus wie die gerupften Hühner. Er hatte aber noch Mut, in einen anderen Saal zu gehen. 'Mein Lieber, das geht nicht, wir haben keine reinen Westen mehr.'

Die tapfere Bäuerin

Vor Jahren kam eine junge Frau in die Sprechstunde. Die Zeiten waren schlecht und das Geld 'sehr knapp. Es sollten einige Zähne gezogen werden. 'So', sagte der Zahnarzt, 'jetzt halten Sie mal schön still, ich gebe Ihnen eine Spritze und dann spüren Sie nichts.' 'Muß ieh die Spritze auch noch bezahlen?' 'Selbstverständlich', war die Antwort. 'Ach, dann lassen Sie das, ziehen Sie die Zähne so.' 'Aber liebe Frau, halten Sie das aus? Das tut doch weh.' 'Mein leiwen Häär, eich weIl Eich mol ebbes soan, wenn man so wie eich schon über sechs Johr mit einem Mann von Wahlen verheiratet äss, dann äss man nit mehr so empfindlich und hält dat bißchen Zahnroppen och noch aus.'

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