Rüdersdorf in alten Ansichten Band 3

Rüdersdorf in alten Ansichten Band 3

Auteur
:   Werner Winzer
Gemeente
:   Rüdersdorf
Provincie
:   Brandenburg
Land
:   Deutschland
ISBN13
:   978-90-288-6024-7
Pagina's
:   96
Prijs
:   EUR 16.95 Incl BTW *

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Fragmenten uit het boek 'Rüdersdorf in alten Ansichten Band 3'

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Einleitung

Nun liegt er vor Ihnen, der 3. Rüdersdorfer Bildband, nachdem zum [ahresende 1994 bereits die 3. Auflage des ersten Bandes erschienen ist! Erneut habe ich mich bemüht, Ihnen wieder mit meist alten Ansichtskarten oder Fotos, Sagen, Märchen und Geschichtchen, Gedichten und Liedern einen bunten Fächer Rüdersdorfer geschichtliche Erinnerungen vorlegen zu können. Man könnte auch sagen: insgesamt wurde aus den drei Bänden eine Rüdersdorfer Chronik auf der Grundlage von Episoden aus unserer Geschichte. Natürlich stellen die Bücher kein wissenschaftliches Werk dar, sondern mehr eine freie literarische Behandlung der Vergangenheit, wobei auch manche abwegige Meinung von Einheimischen zu finden ist.

Da es leider kaum schriftliche Quellen aus dem 13. Iahrhundert, dem angenommenen Geburtsjahr unserer Gemeinde, gibt, mußte auch ich, wie viele andere vor mir, das 'Archiv unter der Erde' nutzen. Gefundene und ausgegrabene Scherben und andere Zeitzeugnisse lassen uns den Grauschleier der Vergangenheit etwas lüften. Wobei, und immer wieder neue Funde beweisen das, es als sicher gilt, daß auf dem heutigen Territorium unserer Heimatdörfer schon in der Stein- und Bronzezeit Siedlungen vorhanden waren. So auf dem Gelände des Seebades, der altenaischen Felder, am Hohlen See und in Tasdorf. Gerade dort begannen 1994 Grabungen nach den Resten der alten Tasdorfer Kirche, die angeblich schon um 1300 dort gestanden haben soll, im Dreißigjährigen Krieg abbrannte und neu aufgebaut wurde, um sie dann vor 24 Iahren wieder 'abbrennen zu lassen', wie der Volksmund meint. Besonders der Jugend und den noch jüngeren Rüdersdorfern sollen die Bildbände immer wieder sagen: Ohne die Vergangenheit zu kennen, wird man auch die Gegenwart oft nicht verstehen, die Zukunft nicht richtig planen und Fehler der Vergangenheit aus Unkenntnis wiederholen.

Mehrmals wurde ich gefragt, warum ich mich nur mit der Vergangenheit beschäftige? Wer die Texte aufmerksam liest wird sicher merken, daß die rauhe Gegenwart nicht ausgespart ist. Außerdern aber ist die Konzeption des Verlages auf die. Vergangenheit bis in die dreißtger Iahre abgestimmt! Das ist auch gar nicht so falsch, denn die rund 200 alten Ansichten künden auch noch in fernen [ahren sichtbar und nachvollziehbar von der Geschichte unserer Gemeinde:

Natürlich, auch die immer wieder geäußerte Meinung, ach, wie schön und romantisch war das doch alles einrnal, ist nicht falsch. Dem muß ich aber hinzufügen, daß die Realität, die rauhe Wirklichkeit, der harte Alltag nicht so romantisch waren. Die Fotografen von dunnemals haben meist nur die schönen Seiten abgelichtet, wenn es um die Ortswerbung ging - das ist heute auch nicht anders ... Bedenken sie zum Beispiel, daß in den alten doch so romantischen Katen oft drei bis vier Generationen, bis zu acht und mehr Personen in einer Stube, Kammer, kleiner Küchennische oder Gemeinschaftsküche für vier Parteien, hausen mußten. Der Gang im Winter zum Fallklosett auf dem Hofhalf oft dem Bedürfnis ab, aber die dabei geholte Lungenentzündung brachte meist den Tod. Der Arzt wohnte kilometer weit weg, wenn er dann per Pferd oder Wagen - im Winter auch gar nicht - kam, blieb ihm oft nur noch, den Totenschein auszustellen.

Der Arbeitstag begann in Rüdersdorf mit Sonnenaufgang und endete mit der Dunkelheit. Licht gab es aus Kostengründen kaum, denn unsere Vorfahren waren meist bitter arm. Wasser aus der Wand auch nicht - eher aus den Decken. Auch heute kann man noch - mittlerweile immer weniger - Toiletten auf dem Hof entdecken. Wenn auch heute oft verpönt: Als 1958 die Wohnungen in den Häusern am Kalkberger Platz bezogen werden konnten, waren es heiß begehrte Wohnungen. Auch die Neubauten in der Brückenstraße gehörten später dazu. Nicht alles

aus der ehemaligen DDR kann man gerechterweise auf den Abfallhaufen der Geschichte werfen.

Wieder habe ich viele zustimmende Meinungen erhalten. Besonders erfreut war ich natürlich über neue Hinweise zu den Bildern sowie über Ergänzungen und natürlich kritischen Bemerkungen.

Wie auch schon zum zweiten Band mußte ich für das vorliegende Büchlein etwa ISO Ansichtskarten auf Auktionen ersteigern, von denen ich rund 2S hier verwenden konnte. Außerdem habe ich von Einwohnern auch neue Bilder erhalten, wie von Fräulein Ehrhardt aus den ehemaligen Photoatelier Ehrhardt. Von Frau Helga Schubert stammt eine Karte auf dem ein kleines Lokal aus der Kaiserstraße zu sehen ist; heute mit leeren Fensterhöhlen mehr Ruine, obwohl im Hinterhaus noch bewohnt.

Dazu auch Beiträge des Schriftstellers Albert Burkhardt, zum Beispiel über den um 1910 in Alt Rüdersdorflebenden Lehrer und Schriftsteller Wilhelm Müller-Rüdersdorf sowie der früheren Heimatforscher Curt Seydel, Ewald Israel und Walter Dinger. Allen sei hier Dank gesagt. Gestatten Sie mir, daß ich heute noch einige Leser nenne, die mir besonders aktiv halfen: Heinz Puseh, Frau Elias, Frau Rösler, Frau Röthig, Frau Hinz, Frau Otto, Frau Kitzmann, Robert Schade, Frau Eisermann, Herr Hennig, Frau Krohn, Paul Schwarz und die Johanniterschwester Petra Knoop, Herr Kolbe, Herr Görtz, Herr Staneck und Herr Grosse und und und ... Alle können nicht genannt werden.

Ja, und nun wünsche ich Ihnen eine vergnügliche, interessante und erinnerungsträchtige Lesestunde. Denken Sie daran, daß wir heute berechtigt hoffen können, daß Mancherlei - heute oft nur auf alten Ansichtskarten zu erblicken - wie die Ruine des 'alten Hofes', oder des Meyerbeerhauses, ein noch bewohntes über 200 Iahre altes Haus in der Nebenstraße oder die Tasdorfer 'alte Schmiede' und vor allem das Tas-

dorfer 'Schloß' trotz aller heutigen Unkenrufe und Bedenken, wieder erstehen wird.

Dann wird es wohl start eines neuen Heinitzssees, eine ganze Seenplatte geben. Wobei ich sicher auch in Ihrem Namen unseren Rûdersdorfer Gemeindevätern und vor allem der Firma Zement GmbH für ihren Einsatz für ein wieder grünes Rüdersdorf an dieser Stelle herzlich danke.

Ihr Wemer Wimer

Herbst am Kalksee Wilhelm Müller-Rüdersdorf

Schau, unser lieber blaublanker See,

Der als ovaler Spiegel sich spannt, Gräbenumfoßt und waldsaumgekrönt, Spiegelt nun Herbstglanz ins träumende Land!

Furcht keines Dampfers Pflugschar die Flut; Fern säumt und summt ein Motorboot nur; Einsam zwei AngJerkähne vorm Schilf; Sonst, tiefe Ruhe auf gläserner Spur.

Und letzten Herbstes Schöne wiJl still Über den spiegelnden Wassern verglühn ...

(Kalender für den Kreis Niederbarnim 1930, 5.45)

Lassen die Wipfelketten am Strand Goldbuntes Blätterfeuer hinsprühn,

fm Kalksee

2 Bis um die Iahrhundertwende fand man in unseren drei Urdörfern wenige gepflasterte Wege oder gar Bürgersteige. Das Ende der Redenstraße zum sogenannten Konsumberg, dem Schulzenberg mit dem Aussichtsturm, gehörte zum Beispiel dazu. Noch bis zum Abriß vor rund zwanzig Iahren standen auch die kleinen Karen, rechts (unten muß man schon sagen, denn nur die Dächer lugten gerade so über den Straßenrand), Um 1905 (Foto) gab es vorn links noch den begehbaren Redentunnel. Auf dem Weg zum Aussichtstunn und zum Alvenslebenbruch klapperten tagein tagaus die Pantoffeln der Bergleute. Allein auf dieser kurzen Wegstrecke gab es sechs Lokale, die nach Feierabend den Durst der Bergleute löschen halten, sehr zum Leidwesen mancher Ehefrauen ...

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Mein Dorf Kalkberge Autor unbekannt.

Durch deine Frühe klappern schläfrige Bergmannsschuhe. Die wecken die Straßen auf und die eingenickten Schornsteine und machen al!e Lieder wach, Und dann schreit der Tag wie ein richtiger Unteroffizier vom Dienst sein rraus bis ins letzte Haus. Wenn ich deinen Psalm

singe, müssen die Heckenrosen blühn. Deine wilden Rosen, die von jedem Hange wie Sterne blinken, aus jeder Hecke wie auf ein Märchen lauschen und von jedem Raine wie Kinderlachen wärmen. Ein Feiertagskleid ziehen sie dir an, wenn sie sich selbst schmücken. Wenn jede Blüte ein Buchstabe und jeder Busch eine Zeile ist, wie singt sich dein Loblied, mein Dorf, so leicht. Die lieben Heckenrosen, bei denen es wie in einer Kinderstube zugeht, das Kleinste schläft fest, das andere mit den Liedern blinzelt und das Älteste mit hellen, verwunderten Augen in die Welt guckt. Wie ländlich einfach das lose, leichte Kleid und doch schöner als Salomonis Seide.

Seit Goethe sang 'Sah ein Knab ein Röslein stehn', steht eure Heimat für immer im Volkslied.

Blume, was bist du geworden! Wen Goethe liebte, der ist unter allen Menschen und unter allen Blumen geadelt. Und:

Die Rosen in den Garten sind reizend anzusehn

die wilden Heekeurosen sind noch einmal so schön sang Löns von euch.

Vom Dorfe unten, wo die bergige Straße nicht weiß, ob sie nach rechts oder links gehen sol! und sich deshalb teilt, schallt Lärmen in die Hekkenrosenzeit.

Sie nennens Gesang.

Lieber Frühling, schenke uns doch mehr der Stillen, Einsamen im Land der rechten Heimatwanderer.

('Niederbarnimer Nachrichten', Nr.2, Juni 1925.)

Das Knappschaftsfest zu Kalkberge-Rüdersdorfvom 24.-26. Juli 1875

Bericht aus der 'Vosstsche Zeitung' vom 27. Juli 1875

Es war wirklich höchste Zeit, daß der Himmel endlich ein Einsehen hatte und noch in allerletzter Stunde dem in diesem [ahre so sorgsam wie noch niemals früher vorbereiteten Knappschaftsfeste der 1 200 Bergleute in den Rüdersdorfer Kalkbergen ein günstiges Wetter bescheerte. Galt es doch diesmal zum ersten Male [enes schon seit Iahren beliebte Fest zu gleicher Zeit von allen, bei dem gemeinsamen Werke beschäftigten Arbeitern feiern zu lassen und auch die polnischen und schlesischen Arbeiter, für welche in früheren Iahren das Fest stets besonders ausgerichtet worden war, mit hineinzunehmen in den allgemeinen Kreis der Freude. Deshalb hatte sich denn auch auf dem freien Platze dicht vor dem Eingange des den Tunnel durchfließenden RedenKanal ein weit höherer und größerer, fast cirkusartiger Bau erhoben, ein Festzeit, dessen Räume sich ausreichend erwiesen, selbst die mit den Extrazügen angekommenen hauptstädtischen Gäste noch mit hineinzunehmen.

Schon am Sonnabend, den 24.h Abends, harte das dreitägige Pest mit einem großen Umzug sämmtlicher Bergleute durch alle Theile des Bergwerkes stattgefunden. Letzteres ist, Dank der Baulust unserer Hauptstadt, von [ahr zu Iahr in immer riesigeren Dimensionen gewachsen, so daß ihm im Bezirke des Oberbergamtes Halle an Größe kein Anderes gleicht. Wenige Berliner, welche in den Ietzten Iahren die Kalkberge nicht besucht haben, würden das Bergwerk jetzt wiedererkennen, denn zu dem mächtigen Oberbau, welcher sich wie eine gigantische, 80 Fuß tiefe Grube immer mehr vergrößert, ist seit drei Jahren noch ein Tiefbau von 100 Fuß hinzugekommen, so daß man an

den Stellen, wo sich die Höhe beider addiert, eine neue, senkrechte fast überhängende Felswand von etwa 200 Fuß Höhe erblickt, zu deren höchstem Punkte die Drahtseilbahn unaufhörlich in kleinen und gröBeren Lowrys das ganz unten gebrochene Gesrein emporhebt, während eine Riesenpumpe im fortwährenden Kampfe mit den das Gestein durchsickernden Quellen steht und die Gewässer aus der gigantischen Grube emporhebt.

Gegen eine halbe Million Cubikmeter Kalksteine welche zu fünfSechsteln durch 6 650 Kähne, zu einem Sechstel per Eisenbahn weggeschafft wurden, sind im vergangenen Iahre im Bergwerk gebrochen, der Überschuß des Magistrates zu Berlin, welcher bekanntlich ein Sechstel des Bergwerkes besitzt, betrug 67 770 Thaler. Vierzehn Kalköfen sind allein im Bergwerk in Betrieb und geben jährlich etwas mehr als 600 000 Centner Kalk. Und immer noch ist die Produktion jeden Iahres größer als die des vorhergehenden, während das Material selbst in der Erde geradezu unerschöpflich ist.

Der Festzug am Sonnabend Abend, der darauffolgende Zapfenstreich, der Tanz im Festzelte Nachts U.S.w. waren nur die Vorboten der größeren Festlichkeiten des Sonntags, zu dem sich im Alten Grund ein vollständiger Iahrmarkr mit Schau- und Würfelbuden, mit Riesendamen und Menschenfressern, Wahrsagerinnen und Zauberern etabliert hatte, sämmtlich natürlich außerordentlich von der fluthenden Menge frequentiert. Da war ein hübsches Mädchen, eine Mulattin, von etwa 17 [ahren - Schade, alle halbe Stunden mußte sie als wilde Indianerhäuptlingin 'Mo-no-tre-pu-la' einen lebendigen Fisch verspeisen und die Herren Polen paßten ordentlich auf daß sie bis auf die Gräten alles verschluckte, letzteres warf sie, um 'keinen Splitter in den Hals zu bekommen' weg. Ihr an Ketten liegender Landsmann, Menschenfresser 'Kal-ta-lu'. schien mir aus der Gegend von Meseritz (mit Cichorien

3 Der Turnplatz auf dem Höhenzug mit der Hohen Halde hoch oben über der Gemeinde Kalkberge am Kalkgraben. Anfangs begann der Festzug der Bergleute zu ihrem Ehrentag von dieser schönen Stelle aus. Später war auch unter anderem das Verwaltungsgebäude in der Heinitzstraße Ausgangspunkt des traditionsreichen Umzuges durch das Dorf. Etwas sauer sollen schon immer die Einwohner des Mutterdorfes Rüdersdorf, das etwas abseits gegenüber auf der anderen Höhe lag und daher durch den Festzug nicht berührt wurde, reagiert haben ...

Berg man nsfest

Die Bergleute sammeln sich

zum Festzuge .?.

auf dem "[u,nplatz .':11

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nachgefárbt) zu stammen.

Vorrnittags l 0 Uhr begann der Festzug der Bergleute von dem auf der Höhe des Berges liegenden Turnplatzes aus, unter Führung des Bergwerksdirektors Herrn Foitzick. Alle insgesammt in der kleidsamen Tracht der sogenannten bergmännischen Puffjacke, deren Metallknöpfe an Glanz mit den an der Brust der Meisten hängenden Medaillen und Ehrenzeichen wetteiferte, meist kräftige Gestalten, durch Arbeit gestählt. Viele aber auch bereits hochbetagt, so zogen sie unter den Klängen ihrer eigenen Musik, der aus l 2 Mann bestehenden Knappschaftskapelle (welche an jedem Sonnabend unentgeldlich in den Parkanlagen des Bergwerkes conzertiert), den Berg hinab. Ein Zug der Sappeure ging voran, dann folgten die eigentlichen Bergleute in Kittel, Leder und Schachthut. in der Hand die sogenannten Keilhauer; zwischendurch als Fûhrer die Steiger und die in gleichem Range stehenden Aufsichtsbeamten mit Seitengewehren ebenso die Gedingenehmer mit besonderen Abzeichen an Kragen und Ärmel. Auch die höheren Beamten, der Obersteiger. Inspektor und Direktor trugen in Schnitt und Form dieselbe höchst kleidsame Tracht, die natûrlich den meist männlich schönen Figuren zugleich besser stand. So schritten sie hinab zu der neuen hûbschen mit Maien und Kränzen reich decorierten, aus Kalksteinen gebauten Kirche. Hier empfingen sie die Vertreter des Berliner Magistrats, die in Amistracht erschienenen Stadtrath Neubrink und Stadtverordneten Vollgold und Diersch, woraufman gemeinsam zum Festgottesdienst in die Kirche zog. Nicht gering waren hier die Gesangsleistungen des vorn Cantor geleiteten vielstimmigen Mádchen-, Knaben- und Männer-Chores, auch sprach die von dem Petersdorfer Prediger gehaltene Festpredigt recht zum Herzen. Um ] Uhr gemeinsamer Zug von der Kirche nach dem Festzelte und vor demselben Parade 'Hanen präsennert!' vor Vollgold, Neubrink und Diersch.

Hierauf erfolgte ein festliches Hoch aufKaiser Wilhelm und die dreistündige Mittagspause, während welcher die Bergleute, die Steinbrecher, Förderer und Jungens gratis kalte Spelsen. Braten, Würste, Weißbrot, so wie auch helles und dunkles Bier erhielten.

Inzwischen nahmen die höchsten Bearnten mit den Ehrengästen, zu denen auch der frühere Direktor des Bergwerkes, Hr. Niedner, jetziges Direktionsmitglied der Anhalter Bahn, gehörte, in Carl Müllers Gasthof 'Zur Traube' ein festliches Diner ein, bei dem Direktor Foitzick, der den liebenswürdigsten Wirt machte, nach dem Toast auf den Kaiser die Gäste nochmals bewillkommnete und auf das schöne Verhaltnis zwischen den beiden Theilen der stàdtischen und fiscalischen Societät hinwies. Um 4 Uhr war abermals Versammlung sämmtlieher Pestgenossen bei der Kirche und gemeinsamer Zug von dort nach dem Fcstzelte, dessen Inneres inzwischen - soweit es gegangen war - möglichst von den Mitgliedern des starken Geschlechtes gesäubert worden war, während das zarte und schwache Geschlecht schon längst in fieberhafter Aufregung die tanzbeinbeschwingende Mannschaft erwartete und gar nicht begreifen konnte, daß selbst nach geschehenem Einzuge 'noch' eine halbe Stunde Pause nöthig war, bis die feierliche Eröffnungspolonaise, vom Direktor angeführt, bald das ganze Innere in einem Kreis von Wirbeln verwandelte. Ein buntes belebtes Bild: mit den Damen der Honoratioren von Rüdersdorf drehten sich die Amtsketten unseres Magistrats oder die meist mit dem Offizierdegen geschmückten Gestalten der höheren Bergwerksbeamten im Kreise, mit der aus der ganzen Umgegend meilenweit herbeigeströmten Mädchenschaar in 'gelb' und 'weiß', in 'gestreift' und 'glatt', in 'schwarze Taille mit weißem Rock' und 'weiße Taille und dunklem Rock' schwang sieh die rüstige Schaar der Bergleute umher, auch der Schlesier im blauen langen Tuchrock hakte sich mit dem Zeigefinger seine 'Annerose' von der Wand und die

4 Der groBe Plarz var dem Redentunnel vom Kesselsee aus gesehen, etwa um 1925. Aus Richtung Erkner durch den Kalkgraben. der links in Richtung Kirche aus dem Kesselsee hinein und wieder hinausführte, kamen zum Festtag oft zigtausende Besucher aus der nahen Hauptstadt. In den schon allein an diesem See liegenden etwa zwölf Lokalen war Riesenstimmung und Hochbetrieb. Ein Riesenzelt (rechts im Foto) war aufgestellt, in dem sich die tanzlustigen Massen tummelten. Bis 1875 wurden die ausländischen im Werk tätigen Bergleute und Handwerker nicht als vollwertige Kollegen betrachtet, denn nicht nur für die polnischen, sondern auch für die schlesischen, meist deutsche Burger, wurde das Fest extra ausgerichtet! 1875 erst vereinte sich die ganze Belegschaft mit Hilfe auch dieses Riesenzeltes!

Polen mit den Kniestiefeln und den kurzen Jacken stampften mit ihren zum Theil in Nationaltracht, 'ganz kleines getalltes Häubchen, rothes Mieder, Blousenhemd und Korallenkette um den Hals' erschienenen Weibern den Boden.

Auch draußen entwickelte sich inzwischen das [ahrmarktsbild zu einem Volksleben in lebhaftester Gestalt! Immer heiserer schrieen sich die Anlocker, immer lauter ertönten ihre Pauken und Trompeten. die alten Mütterchen absovierten ihr jedes einmal 'Carroussel-Renen' (bei Leibe nicht fahren) mit derselben Gewissenhaftigkeit, wie in jüngeren [ahren, der billige Auktionsverkäufer, die Wursthändler, die Cigarrenhändler, der 'an hitzigen Nervenfieber total erblindete' Leierkastenmann machten gute Geschäfte und so zog sich in den lauten Trubel die Abenddämmerung hinein, viel zu früh für die Berliner Gäste, welche Zug aufZug in die Heimath befördert wurden. Die Festgenossen aber harrten wacker aus bis Montag frûh, urn am Montag-Mittag bis Dienstag früh das Fest in gewohnter Weise weiter zu feiern, um nach wentgen Stunden der Ruhe alsdann am Dienstag Mitttag Punkt I Uhr die Arbeit wieder auf ein ganzes Iahr mit Geduld und Ausdauer zu übernehmen.A.W

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