Rüdersdorf in alten Ansichten Band 3

Rüdersdorf in alten Ansichten Band 3

Auteur
:   Werner Winzer
Gemeente
:   Rüdersdorf
Provincie
:   Brandenburg
Land
:   Deutschland
ISBN13
:   978-90-288-6024-7
Pagina's
:   96
Prijs
:   EUR 16.95 Incl BTW *

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Fragmenten uit het boek 'Rüdersdorf in alten Ansichten Band 3'

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Den Bergrat sin Gast

Von einem unbekannten Rüdersdorfer um 1880

'Glück auf! Häuer Bridde! Euch scheiars ja zu schmeckea' So spricht eines Mittags der Herr von der Decken.

Von Briddes Appetit hat er oft schon vernommen,

und heute war er gerade zur Mahlzeit gekommen.

'Glück auf! ook, hoher Herr Bergrat, Glück auf',

grüßt Bridde den Chef und rappelt sich auf.

'Det Essen, det schmeckt mi, un die Arbeet jeht glatt, bloß det is det Schlimme: lck werre nicht sett.

'Sie spaßen wohl, Bridde? Denn das seh ich genau:

Die Schüssel hält reichlich für Sie - und die Fmu!' 'Mine Fru jeht na Hus - is all rut ut den Bruchdet is mint clleene, et ist knapp genug:

'Geseqnere Mahlzeit!' wendet der Bergrat sich ab. Die riesige Schüssel ist für Bridde zu knapp?

Acht Tage später. So ganz verstohlen

klopft Hanne Bridde on Bergrats Tlir.

Heut ist er nämlich zum Chef befohlen

und macht sich Gedanken: 'Wat will er von mir?' Das Mädchen macht auf. Sieht Bridde und lacht: 'Ach Sie sind's. Das heb ich mir beinoh gedacht. Hier legen Sie eb, de, treten Sie ein.

Das Essen, das wird wohl gleich fertig sein:

Schon kommt der Chef. Der Tisch ist gedeckt. 'Und Bridde, nun hoffe ich, daß es Euch schmeckt. Heren, nicht geziert. Was meinen Sie wohl-

es gibt dicke Erbsen und Sauerkohl!'

'Herr Bergrat! Det is jo min Liewjericht!

Na, denn man tu - da schenier ick mi nich.

Der Chef ißt nur wenig. Sein schwacher Magen, der kann 50 derbe Kost nicht vertragen.

Doch Hanne haut ein - es schmeckt ihm vorzüglich, der Bergrat sieht zu und lächelt vergnüglich.

Auf einmul steunt er. Die Schüssel ist leer

und Bridde, der druckst - 'et jibt doch wohl rnehr?' 'Jawohl: Noch einrncl wird aufgetragen.

Der Bergmann schmaust weiter mit größtem Behagen und sagt, als das Quantum erledigt er hat:

'Na, jetzt wdr'ick so eenigermaßen satt.

Doch sollte noch wat in der Küche sin -

'denn bringt det Fräulein den Rest woll noch rin!?' Ein Teller voll noch. So weit hat's gelangt.

'Herr Bergrat! Nu sind Sie ook schöne bedankt. Hier war et jenug - und det Essen war jut' -

Urn Viere is Vesper! Sa lang hall ick ut!'

5 Herr Bergrat von der Decken machte sich im vorigen Iahrhundert nicht nur als Nachfolger von Graf von Reden bei der Leitung des Kalkbergwerkes verdient.

Das vorstehende Gedicht beweist, daß von der Decken auch bei den Bergleuten hohes Ansehen genossen haben muß. Er führte auch das Werk von Graf von Reden auf dern Gebiet des Umweltschutzes fort. Machte sich einen Namen dadurch, daß er dafür sorgte, daß immer Frauen und Männer da waren, die die vielen, besonders bei der Bevölkerung und den Touristen beliebten Parkanlagen, täglich pflegten. Zu seinen Ehren wurde dieser 'Deckenstein' wie das Denkmal genannt wurde, oberhalb des Hotels Rademacher an der Heinitzstraße errichtet. Leider ist es nicht mehr vorhanden - vielleicht aber kann man es einst wieder rekonstruieren?

6 Liebevoll und auch als Ausdruck seiner Popularität in Kalkberge wurde er Vater Nieke genannt. In seiner schmucken Bergmannsuniform, die er zu feierlichen Anlässen bis ins hohe Alter - er wurde etwa 90 [ahre alt - immer wieder anlegte, ist er hier zu sehen. Sicherlich eine seltene Hochzeit, die Goldene oder Diamantene. So wie seiner Zeit nach 1850 Apotheker Seydel sich als Heimatforscher einen Namen machte, so Vater Nieke als Brigadier einer Brigade, die die Grünanlagen des Ortes in Schuß hielt. Unterstützt dabei vorn Kalkbergbaubetrieb, deren Direktoren alle nicht nur ans Werk, sondern auch an die Belange der Gemeinde und ihrer Touristen dachten. So trug sich ein einfacher Bergmann ebenfalls in die Geschichte von Kalkberge ein. Er starb um 1920.

7 Dem leider viel zu früh verstorbenen Bernhard Rösler verdanken wir diese Aufnahme einer Pflegebrigade aus dem Iahre 1936 erwa. Fleißige Frauen und Männer, meist aus dem Bergwerk kommend, waren emsig wie die Bienen bemüht, die Anlagen am Glockenberg, im Redenpark, am Aussichtsturm oder Torellpavillon, um nur einige zu nennen, sauber zu halten. Diese 'Namenlosen' Einwohner trugen tagtäglich dazu bei, den Touristen ein sauberes Rüdersdorf vorzuweisen. Wenn zum Beispiel kürzlich der Drogeriebesitzer im Ortsteil Kalkberge beim Ortschronisten anfragte, ob es nicht ein Foto seines Hauses von früher gäbe, er würde gern seine Fenster wieder historisch genau erneuern lassen, beweist das auch heute:

Unsere Bürger wollen, daß der Ort schöner und Altes auch bewahrt wird. Danke!

Der Schriftsteller Wilhelm Müller-Rüdersdorfhinterließ sichtbare Spuren

Auch ihn hat es gegeben, einen Schriftsteller, der seinem Familiennamen den Ortsnamen Rüdersdorf anhängte. Er hieß Wilhelm Müller, war 1886 in Berlin geboren, als Lehrer ausgebildet worden und erhielt 1909 seine erste Arbeitsstelle in der Gemeindeschule Rüdersdorf (heute Alt-Rüdersdorf). Kaum harte er einige Gedichte veröffentlicht, wurde er schon mit einem berühmten Namensvetter verwechselt, dem spätromantischen Lyriker Wilhelm Müller (1794-1827, 'Am Brunnen vor dem Tore'. 'Das Wandern ist des Müllers Lust', Vertonungen von Franz Schubert). Um ein ergenes Profil zu gewinnen, kam der junge Lehrer auf den Gedanken, künftig den Namen des Ortes seiner ersten Schule zu verwenden. So tragen etwa vlerzig Bücher aus seiner Feder und ûber achtzig von ihrn herausgegebene Werke die nun wirklich einmalige Namenskombination Müller-Rüdersdorf. 1911 heiratere er in Kalkberge Erna Kühne, die Tochter des Leiters der Bergkapelle, zog aber schon in demselben Iahr mit ihr nach Rabishau im Isergebirge, weshalb er in dem Ort, dessen Namen er fortan trug, bald vergessen war. Bis 192 3 war er als Lehrer, dann als freier Schriftsteller täug, ab 1934 in Petershagen, ab 1937 in Strausberg, seinem letzten Wohnsitz, wo ich 1951 die Witwe kennenlernte. Ihr Mann war Mitte Juni 1945 abgeholt worden und seitdem vermißt. Sie erinnerte sich gern an ihre Jugendzeit in Kalkberge, an den Spielplatz heim Seydelstein, an Fahrten im 'Äppelkahn' auf dem Redenkanal im unheimlichen grünlichen Licht des Tunnels, an Bergfeste ...

Wilhelm Müller-Rüdersdorf schrieb Gedichte, Erzählungen, Biographien. Orts- und Landschaftsschilderungen und betteure ganze Buchreihen, unter anderem 'Unsere Kinderdichter', 'Die Märchenquelle' , 'Deutsche Männer'. 'Kurrnärkische Lesestube '. Die letztgenannte Reihe eröffnete er 1933 selbst mit dem Buch 'Die lustigen Vögel von Vogelsdorf", heiteren Geschichten aus dem Nachbardorf, die ihm sein von dort stammender Schwiegervater Ferdinand Kühne erzählt hatte. Was

hier vorn Postillon, Tischler, Schuhmacher, Schrnied, Gastwirt, Nachtwächter usw. berichtet wird, hat sich um 1860, 1870 tatsächlich so zugetragen. Dieser bunte Geschichtenstrauß aus Vogelsdorf gehört zum Schonsten und Wertvollsten, was uns der fieißige Schriftsteller mit 'Rûdersdorf' im Namen huiterlassen hat. (Albert Burkhardt.)

8

Auf dem Arnimsberge

Van Wilhelm Müller-Rüdersdorf Berlin, urn 1935.

Auf einst'ger Weinberghöh' lockt eine Bank; De könnt in Sonn' ich weilen stundenlang.

Und sonderlich bei Lenz- und Herbsttagspracht, Wenn rings das Land sein reichstes Glüh'n entfacht. Im Rücken hoch ein grauer Steingesang,

Der leise munt von Krieges Opfergang.

Und vor mir, ach! so liebltch, froh und bunt,

Im hellen Licht ein weiter Wundergrand. Schmal strafft durch Gärtengrün ein Silberstreif:

Des muntren Kalksees langer Gmbenschweif. Und dieser selbst: blendweiB blitzt er hernuf Ein Riesenknäul, breit hinrerm Häuserhauf. Der Kesselsee, des Wasserschweifs Geknot', Ruht jenseits, ganz von Bäumen überloht. Des lieben Dorfes StroBe, eng im Tal,

Lugt uuf zum Berghang blank im MittagstrahJ. Ein Obstbcumvolk - im Lenze duftig weiB Drängt um die Häaslein dicht zum Erntepreis.

Und dunn, naht Spätherbst: Buum und Busch im Grund, Zum letzten Feste glühn sie goldig bunt.

Doch loBt uns, da Oktober heutso licht,

Späh'n weit ins Land, das unser Nest umflicht!

Von Iinks - in seines Iaubs Brokatkleid schwer -

Grüßt stillen Schauturms Höhe freundlich her.

Vor uns jedoch, on weiter Äcker Rand,

Des clten Dorfes leis auftauchend Band.

Abseits dreht eine Mühle sich im Sturm,

Und fern winkt truut des Kirchleins gTauer Turm. In seiner Hut trieb einst mein Lebensheum:

Drum fliegt zu ihm von hier mem liebster Traum. Zieh'n scheue StroBen in geruhigem Lauf

Den Felderrücken in mein Dorf hinauf.

Als Rahmen aber seinem PlIuggefild

Säumt Kiefernwald tiefgrün das groBe Bild. Weit, stundenweit hül!t er in Wipfelbann, Vt:rschwebt im Dunst, waHt an die Flut heran. Zwei Iiirme, Finger leiser Hügelhand,

Sind vorgespreizt aus scmtnem Waldgewand. Rechts, fern, behehnt: der Müggelberge Schar, Und Wusterhausens Funkgetürme gar.

Und Woltersdorf und Erkners VV<ildertor Wólbt sich im Grund mit Seegekränz' davor. Dies alles schuu' ich von des Hanges Bord,

Indes Vergangenheit mir haucht manch Wort. So still ists heut! Zuweilen nur im Tal

der StroBenbahn Geschurr und Fahrtsignal . Dunn irgendwo, weitab, ein HundgebelJ. -

Und wieder singt mir sanft der Heimat Quell...

(Das Gedicht beschreibt einen damaligen Rundumblick vom Arnirnsberg, auch Weinberg genannt, aus.)

9 Eine seltene Ansicht von der wohl ältesten Kirche in der Gemeinde. Sie steht in Alt Rüdersdorf und wurde vermutlich schon 1250 erbaut, soll aber nach Grabungsergebnissen, wo man spätromanische Fundamente entdeckte, noch älter sein! Das anfangs aus Feldsteinen erbaute Gotteshaus ist um 1700, anderer Quelle nach um 1718, neu oder umgebaut worden und erhielt 1890 einen weiteren Anbau. Den Turm harte es beim ersten Bau noch nicht. Die Aufnahme entstand etwa 1905, also vor einern weiteren Umbau 1914. Hinten links sehen wir noch ein Gebäude der heute aus drei zusammenhängenden Gebäudeteilen bestehenden Schule. Daneben die vermutliche noch eingeschossige Kûsterschule, die später aufgestockt wurde und schließlich ein neues Mittelteil erhielt.

lirche zu 1Züdersdorf

Der Geist vom Galgenberg Wirklichkeit und Sage aus Rüdersdorf

Im Rüdersdorfer Kirchenbuch sind viele interessante Dinge über die Geschichte des Dorfes aufgeschrieben. In den 'Niederbamimer Nachrichten' anfang dieses Iahrhunderts ist öfter daraus zitiert worden.

So konnte man zum Beispiellesen, daß im Rüdersdorfer Gefangnisgemeint ist immer das ehemalige selbstständige DorfRüdersdorf - oft viele Verbrecher lange einsitzen mußten. Manche der Sünder sind schon vor Vollstreckung des richterlichen Urteils gestorben - und so makaber das klingt, die Dorfbewohner wurden darob um ein öffentliches Schauspiel gebracht.

Irn Iahre 1762 erregte das Verbrechen der Köchin Maria Louisa Stimming ganz besonders die Gemüter. Am 3. April brachte sie einen unehelichen Sohn zur Welt, und das war für die damalige Zeit schon schlimm genug! Noch schlimmer aber war, daß sie dem Kind sofort 'das Genick ausgedreht' hat. Am 5. April wurde 'das Menschenkindlein beerdigt und die Mörderin sogleich verhaftet'. Im Verließ gestand sie ihre Tat. Das Beerdigungsregister berichtet wörtlich weiter: 'Den 13. Dezember starb die Kindermörderin, ehe sie ihr Todesurteil empfangen konnte in tiefster Bereuung ihrer Sünden und hertzliehe Ergreiffen der göttlichen Gnade, welcher sie besonders unter dem Genuß des heiligen Abendmahls theilhafftig worden. Ihr erblaßter Körper wurde nach dem eingeholten Spruch des Criminal-Collegie den 23. Dezernber durch des Nach-Richters Knecht in einer großen Procession auf einer Schleife nach dem Galgenberg (südöstlich der Gemeinde, Autor) geschleppt, in das daselbst verfertigte Grab geworfen und beerdigt.' Soweit Auszüge aus dem Bericht...

Nun berichtet eine Sage ein weiteres Intermezzo mit erschröcklichem Ausgang. Einen Tag danach hatte sich ein Bäuerlein beim Pilze suchen so tief in den Busch hinein gewagt, daß es den Rückweg aus den Augen verlor. Es irrte ziellos umher. Bald brach die Dunkelheit herein, so daß man die Hand vor Augen nicht mehr erkennen konnte. Als der Mann

schließlich unter seinen Füßen etwas wie eine Anhöhe verspürte, brach er erschöpft zusammen und fiel in einen leichten Schlaf ... Daraus aber sollte nichts werden. Kaum hatte ihn der Schlummer übermannt, fuhr er auch schon wieder erschreckt auf War es ihm doch, als hätte eine eiskalte Hand seine Wange berührt. Über sich sah er nun ein bläulichweiß schimmerndes Gesicht mit toten Augenhöhlen. Dazu flüsterte dieser Geist, um den es sich natürlich nur handeln konnte, ohne Unterlaß: 'Gib mir mein Kind zurück! Gib mir mein Kind zurück!', Bei Gott, dachte er, die Kindermórderin ist wieder da, Weiter aber kam er nicht mit seinen Gedanken. Der Schreck war so allgewaltig, daß er völlig die Besinnung verlor und schreiend von darmen lief Ohne Aufenthalt durchquerte er sein Dorf daß er vor irrer Angst nicht einmal er-

kanrite ...

Einen Tag später wurde er entgegengesetzt im Teufelspfuhl der Nachbargemeinde Tasdorf als Leiche entdeckt. Eine Leiche im Teufelspfuhl? Hat sie der Teufel dort hingelegt? Sollte sie als Köder für eine andere arme Seele dienen? Niemand also wagte sich näher an den pfuhl, zum Herausholen fand sich keine Hand. Und so liegt er wohl noch heute dort - allerdings seit vielen Iahren unter einer großen Abfallhalde ...

So weit die Geschichte und ich - ich zerbreche mir den Kopf darüber, woher wohl die Nachwelt die ganze schröckliche Begebenheit erfahren hat?

Rüdersdorfer Heimatlied

Von Chorleiter Puff, Deutscher Männerchor Kalkberge 1880-192 8

In der Mark, wo sonst Kiefern auf kargem Land mit den Kronen trotzen den Winden,

liegt als schöne Oase im Sand,

Kalkberge im Schmuck seiner Linden,

Aus den Tiefen der Erde hob Feuerkraft dies liebliche Stücklein Erden,

dessen Schätze erforscht und ans Licht gebracht:

TorelI, Geologe von Schweden.

Aus fruchtbaren Kalkgrund mit riesigen Bau gen Himmel ragen die Bdurne,

es schimmern die Höhen im setten Blau der Muien- und Fliederträume.

Kristallklar locket des Berges Flut, weiB schimmern die Aanemonen,

im Schatten der Wälder ruht sich 's gut, tief im Tale die Menschen wohnen.

Auf kernhaften Boden ein kerniqes Geschlecht, wir schauen die Wander der Heimat

und preisen sie hoch mit Fug und Recht,

die Sangeskunst hier ein Heim hat.

Was der Kalksee flüstert, die Linde rauscht, wird den Sängern lebendig im Liede,

sie fühlen es mit, was der Dichter erlauscht, als ihn hochhub des Blätterdoms Friede.

Und lauschet ihr recht, so fällt auch in Euch vom göttlichen Feuer ein Funken:

Ihr fühlt euch so Iroh, so Ieicht, so reich, der Alltag ist euch versunken.

Die Wände des Saales weichen zurück, draußen steht ihr auf blumiger Halde im Sonnenglanz und ]ugendglück,

die Nachtigall jubelt im Walde.

Auf Ka1kberg's Höh'n steht die Sängerschaar, singt urewige Sehnsuchtslieder,

die die Menschheit bewegen immerdar und Frühling wird's in uns wieder.

(Aus der Chronik des Deutschen Männerchores Kalkberge 1880, erhalten von Chormitglied und zeitweise auch Leiter des Chores Reimann.)

Von judenhöfen und judentempel

Anfang der achtziger jahre gab mir eines Tages der Bürgermeister ein Schreiben eines Leipziger Studenten. Ich sollte es als Ortschronist erledigen. Es ging um die Geschichte der jüdischen Bürger in Rüdersdorf, von denen um 1929 noch etwa 17 in Rüdersdorflebten. Ich konnte mancherlei ermitteln. Außer einigen kleinen Geschäften jüdischer Bürger gab es das größere florierende Textilgeschäft von Kaufmann Kaminsky. Er hatte noch Glück im Unglück, daß er seinen Laden verkaufen konnte, ehe er nach Amerika auswandern durfte. Wer die Nazizeit miterlebt hat, kann sich vorstellen, wie der Mann mit blutendem Herzen sein Lebenswerk für schnöden Mammon hergeben und dazu auch noch seine Heimat verlassen mußte, um sein Leben zu retten.

Aber es gab auch völlig unerwartete Entdeckungen. In der Redenstraße, auf dem Hof des ehemaligen Gemeindeamtes und späteren Schuhgeschäftes Meurer, soll eine Synagoge oder Bethaus gestanden haben, so berichtete mir ein Mitglied der AG-Ortschronik, Frau Ruth Schmidt. Ein Lehrling erzählte ihr, wie ihn der Lehrherr, der als Schuhmachermeister seine Werkstatt auf dem gleichen Hofhatte, oft in den '[udentempel' schickte, um aus dem Lager, das war aus dem Gotteshaus geworden, Materialien zu holen. Er berichtete auch, daß es eine enge Wendeltreppe im Haus gab und eine Empore, auf der wohl die jüdischen Frauen ihre Andacht verrichten konnten.

Als ich mit einem anderen AG-Mitglied, dem unterdessen verstorbenen Kurt Elsner, darüber sprach, meinte er, daß er an dieser Stelle nach dem Abriß des Hauses und der Redenstraße mehrere uralte Grabsteine entdeckte, dem aber keine Bedeutung beigemessen hat. Sie trugen seiner Meinung nach kyrillische Inschriften. Gräber aber auf einem Hof an den Weinbergen, nur wenige hundert Meter vom Friedhof entfernt? Das war seltsam genug. Da kam mir die Erleuchtung, es waren jüdische Grabsteine mit kaum noch erkermbaren hebräischen Buchstaben! Gedanken aber machte ich mir nun, wieso denn das Bethaus hinten in

einem kleinen Hof stand? Sicher hatte man schon damals für die [ûdischen Einwohner im Ort nicht viel übrig ...

Bei weiteren Überlegungen kam mir nun auch noch etwas anderes spanisch vor. Im alten Rüdersdorf stehen noch heute die Ruinen des 'Alten Hofes' (Foto links) auf dem die Mönche aus Kagel ihren Schreiber, Klosterhauptmann, zu sitzen hatten. Als die Mönche schließlich unsere Gefilde verließen, übergab Kurfürst [ohann Sigismund seinem Kammerdiener Anton Freytag den Hof als Freigut. 1826 kaufte es die Stadt Berlin und veräußerte das Anwesen später an den Iuden Ephraim Wolf und flugs nannte ihn die Bevölkerung 'Iudenhof" .

Auch im alten Tasdorf entdeckte ich ein Haus mit schmucken hölzernen Verzierungen unter dem Vordach. (Foto rechts.) Zu meinem Erstaunen erfuhr ich, auch dieser Hofhatte den Namen '[udenhof" . Beide Bezeichnungen waren nun sicherlich nicht sehr freundlich gerneint, denn ich habe noch keinen Hof hier gefunden, den man Christenhof nannte ...

Als ieh schließlich zum 200. Geburtstag des hier 1791 geborenen Giacorno Meyerbeer, der spätere größte deutsche Komponist der Französischen Oper, Vorschläge zu seiner Ehrung machte und das in der Zeitung veröffentlichte, habe ich unerwartet eine Lawine losgetreten, sicher nur eine kleine. Ich mußte mancherlei unerfreuliche heiße Debatten mit Gegnern der Ehrungen machen, erhielt auch einen bösen anonymen Brief Ergebnis, kein Vorschlag, außer der, für den ich selbst verantwortlich war, wurde verwirklicht. Bei einer Heimatausstellung stellten wir mit Hilfe eines Bürgers und Meyerbeer-Fans ein Meyerbeer-Exponat aus. Da auch seine Frau nun dumme Fragen beantworten mußte, wollte er mit Namen nicht öffentlich genannt werden ... Damals stand das Geburtshaus noch, von dem ich eine Aufnahme nach Berlin schickte, die in einer Ausstellung zu Ehren Meyerbeers im Großformat zu erblicken war. Unterdessen ist es fast abrißreif - aber der neue Besitzer hat kürzlich Gedanken geäußert, das Haus und das Andenken Meyerbeers in Rüdersdorf zu wahren ...

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